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GC Rudern | 25.08.2017

RUDERN | NICOLAS LEHNER'S COMEBACK

Die GC Ruderer blicken auf einen erfolgreichen Sommer zurück. Oliver Gisiger gewann Silber an Junioren WM Trakai 2017, der Vierer und Achter wurden auf dem Rotsee souverän Schweizer Meister, u.a. mit „Altmeister“ Nicolas Lehner (36) im Boot. Besonders interessant: Nachdem er 2010 das letzte Mal an Schweizer Meisterschaften teilgenommen hatte, wollte er auch das „andere Leben“ kennenlernen, beendete den Leistungssport und setzte die Priorität auf den Abschluss seines Ingenieur-Studiums und den Start seiner beruflichen Karriere. Fortan betätigte er sich nur noch als Freizeitsportler, war in der Regel einmal pro Woche mit der FridayCrew auf dem Wasser. Nach sechs Jahren aber packte ihn wieder das Ruderfieber...

Resultate am Coupe de la Jeunesse

Junioren WM Trakai 2017

Details zu den Schweizer Meisterschaften

Einfach zum Test versuchte er sich letztes Jahr im Boot für die Masters WM (U-37), das über die halbe Renndistanz geht. Weil es gut lief, wollte er es auch in der offenen Kategorie über 2000 Meter probieren. „Die Konstellation, zusammen mit jungen, zum Teil halb so alten Talenten ein Ziel anzugehen, hat gepasst, wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden und sahen, dass der Sieg möglich sein könnte.“ So hat Nicolas Lehner im November letzten Jahres das Training aufgenommen. Allerdings waren die Rahmenbedingungen alles andere als optimal: „Über Weihnachten hatte ich eine starke Erkältung zu überstehen und im Februar brach ich mir zu allem Überfluss bei einem Eishockey-Plauschspiel eine Rippe...“ Aber er war vom Ehrgeiz getrieben und überwand alle Hindernisse. „Ehrgeiz ja, aber ich liebe auch ganz einfach das Rudern, die Bewegung auf dem Wasser, die Harmonie, die Natur und die Freundschaften. Und eben auch die Erfolgserlebnisse“, stellt Nicolas Lehner fest, „für solche Momente lohnt es sich schon, früh aufzustehen, was mir absolut nicht leicht fällt, und einige Stunden pro Woche zu investieren.“ Also hängte er sich rein, arbeitete an der Kondition: „Mein Antrieb war vielleicht die Folge einer gewissen Midlifecrises, ich wollte mich bestätigen. Das ist mir ja auch gelungen“, stellt Nicolas Lehner zufrieden fest. Cheftrainer Tom Böhme begleitete den Rückkehrer auf dessen hartem Weg und konnte konstatieren: „Er hat sich sehr engagiert und gegen seine lange Auszeit und die damit verbundenen Probleme erfolgreich gekämpft. Er war auch bereit, das Rudern neu zu lernen, dh. sich auf das „neue GC Rudern“ einzustellen und hat sich dem Wettbewerb in der Trainingsgruppe  gestellt.“

Umgekehrte Vorzeichen, einmal Lehrling, einmal Lehrmeister

Irgendwie hat sich die Geschichte wiederholt, mit umgekehrten Vorzeichen. Vor 17 Jahren, als Nicolas Lehner ins Renngeschehen eingriff, sass er als 19-Jähriger mit erfahrenen Ruderern im Boot und konnte von diesen viel profitieren. „Die Chemie stimmte“, sagt Nicolas Lehner. Und in den diesjährigen Siegerbooten war er der Erfahrene und die Jungen (im Vierer die drei Merkt Brüder Alois, Emil und Marius und im Achter ebenfalls die Merkt Brüder sowie Alexandre von Allmen, Jacob Blankenberger, Oliver Gisiger, Friorin Rüedi und Steuerfrau Ruth Wood) konnten sich an ihm orientieren. Cheftrainer Tom Böhme: „Nicolas hatte ja bereits den Schweizer Meistertitel in der Tasche, er konnte seine Erfahrung, Ruhe und Selbstkontrolle auf die jüngeren Kollegen projizieren.“ Nicolas Lehner: „Die Arbeit war toll, allerdings habe ich mich in den Trainings dann und wann schon etwas alt gefühlt. Ich war selbstredend nach Wiederaufnahme des Leistungssports nicht fit. Einmal die Leistung abzurufen, das ging. Aber diese am nächsten Tag zu bestätigen, bereitete mir doch Probleme. In meinem Alter braucht man eben schon etwas mehr Erholungszeit“, erzählt Nicolas Lehner wenige Tage nach dem grossen Erfolg an den Schweizermeisterschaften, frühabends, als er sich vorgenommen hatte, auf der ASVZ Hochschulsportanlage Fluntern zu joggen. „Die Wetterbedingungen sind aber nicht optimal, also verzichte ich, zumal ich mir beim letzten Joggen einen veritablen Muskelkater zugezogen habe. Kann er, schliesslich hatte er das grosse Ziel, nach Jahren ohne Leistungssport im Achter die Meisterschaft zu gewinnen, erreicht und mit dem Sieg im Vierer das Sahnehäubchen auf eine bemerkenswerte Karriere gesetzt: „Glücklicherweise hatten wir zwischen beiden Rennen auf dem Rotsee zweieinhalb Stunden Pause, sodass ich mich erholen konnte“. Aber die Müdigkeit hatte sich aber dennoch eingeschlichen, verständlicherweise. So genoss er die Meisterfeier meistens auf dem Stuhl sitzend und nicht wie früher, auf dem Tisch tanzend. „Ich liess der Jugend den Vorrang und unterhielt mich mit vielen Anwesenden, die näheres über meine Leistung wissen wollten“. 

Initialzündung durch Mutter Lehner

Angefangen hat alles mit einem Zeitungsausschnitt, den ihm Mutter Lehner herausgetrennt hatte. Darin wurde der WM Sieg der deutschen Ruderer beschrieben. „Meine Mutter war beeindruckt, dass alles „lange Kerle“ waren“, erzählt Nicolas Lehner, schon als 14-Jähriger von stattlicher Figur. „Sie meinte, dieser Sport könnte doch für mich passen, nachdem ich beim Eishockey gschtabig gewirkt habe...“ Nicolas versuchte sich auf dem Wasser und fand sofort Gefallen. Unter den Fittichen von Heike Dynio machte er Fortschritte, wenngleich er zu jener Zeit dann und wann auch noch Flausen im Kopf hatte und dem Rudern nicht allererste Priorität gab. Als 17-Jähriger nahm er dann doch das erste Mal am Coupe de la Jeunesse teil, ein Jahr später auch. Und im Jahr 2000 legte er mit seinem ersten Meistertitel den Grundstein für eine tolle Karriere. Bis heute stehen zehn Meistertitel in seinem Palmares. 

Wie weiter?

Bleibt die Frage, wie er sich für die Zukunft entscheidet. „Besser kann’s eigentlich nicht werden“, sagt Nicolas Lehner, „2004 habe ich im Zweier und Achter den Meistertitel gewonnen, heuer mit den Siegen im Vierer und Achter nun mein zweites Double. Es heisst doch, dass man mit Vorteil seine Karriere auf dem Höhepunkt beendet“. Tom Böhme jedenfalls hofft, dass Nicolas Lehner noch eine Saison dranhängt: „Ich würde mich freuen, wenn Nicolas für kommende Projekte und uns als aktives Vorbild erhalten bleiben würde.“ Und Nicolas Lehner? „Im Moment ist das Projekt abgeschlossen. Ich geniesse den Sommer. Im Oktober steht ein Rennen in Boston auf dem Plan, aber vielleicht lasse ich den Jungen den Vortritt, ich war schliesslich schon über dem Grossen Teich...“ Aber der Maschinen-Ingenieur, als Produkteentwickler tätig, hält sich alle Optionen offen. Bleibt zu hoffen, dass er sich für ein weiteres GC Ruder-Projekt entscheidet. 

Randgeschichte: Bei der Pokalübergabe ging’s hoch her bei den Grasshopper. Neben dem obligaten Taucher der Steuerfrau ging auch ein Becher baden, wie später auf einem Video zu sehen war. Nicolas Lehner hat schon etliche Trophäen zu Hause, weshalb er dafür besorgt war, dass die jungen Kollegen und Kollegin den Siegerpreis bekamen: „Ich werde meinen Becher sicher auch noch bekommen“, hofft er, wohl nicht vergebens.

Eugen Desiderato