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GC Fussball | 25.09.2020

FUSSBALL | CHALLENGE LEAGUE – KEIN ÜBERFLIEGER ZU ERWARTEN

In der Challenge League scheint für die Saison 2020/21 nur eines klar: Einen „Überflieger“ wird es nicht geben. - Hansjörg Schifferli, profunder Kenner der Challenge League analysiert.

Vor einem Jahr war die Challenge League für die Grasshoppers absolutes Neuland. Am Ende waren sie, unter anderem nach zwei Trainerwechseln, weder Aufsteiger noch Barragist. Dafür wurde Lausanne-Sport seinem Anspruch, im zweiten Jahr in der Zweitklassigkeit in die Super League zurückzukehren, trotz zeitweiliger Schwächen schliesslich eindeutig gerecht. Unangenehmer für die Grasshoppers war, dass sie schliesslich auch noch das Duell um die zweite Aufstiegschance verloren – gegen den „kleinen“ FC Vaduz.

Jetzt ist die Challenge League für GC eigentlich kein Neuland mehr, schliesslich ist es sein zweites Jahr dort. Aber Neuland ist sie im Klub eben doch für viele, für die neue sportliche Führung auf jeden Fall, für viele Spieler, die aus dem Ausland kamen, beispielsweise als Portugiesen vom englischen Provinzklub Wolverhampton Wandereres. Allein das macht schwierig, die Grasshoppers vor dieser Saison einzustufen; klar ist eigentlich „nur“, dass sich ihre sportliche Führung um Sportchef Bernard Schuiteman und Trainer João Carlos Pereira den Aufstieg zum Ziel gesetzt hat.

Klubs mit völlig neuen Teams

Noch diffiziler macht Prognosen, dass es auch bei andern Klubs gleich aussieht: Sie haben völlig neue Teams. Man kann sich an kaum eine Saison im Schweizer Fussball erinnern, vor der zu einer Liga so viele Fragezeichen zu setzen waren wie vor dieser Challenge League der Spielzeit 2020/21. Das Extrem ist ja der FC Chiasso, der ohne den Corona-Abbruch der Promotion League kaum mehr der Liga angehören würde. Er hat nicht weniger als 21 neue Spieler im Kader, selbstredend auch einen neuen Trainer. Hinzu kommt, dass die Frist, neue Spieler zu verpflichten, ausnahmsweise erst am 12. Oktober abläuft. Das Gesicht mancher Mannschaft könnte sich in nächster Zeit also noch weiter ändern.

Immerhin, den Grasshoppers gelangen die beiden ersten Schritte in die Saison – ohne, dass man sie danach schlüssig beurteilen könnte, aber immerhin. Sie sind nach dem knappen Sieg bei Stade Lausanne-Ouchy in der schönen Situation, im Cup überwintern zu können. Im Februar geht’s dann in den Achtelfinals gegen Lausanne-Sport. Und den „neuen“ Grasshoppers gelang zum Meisterschaftsstart auch die Revanche gegen den FC Winterthur, der ihnen sieben Wochen zuvor, im letzten Match der vergangenen Saison, mit einem 6:0 eine geradezu epochale Niederlage beigefügt hatte. Und damit die letzte Chance auf die Barrage geraubt. Diesmal wurde der FCW im Letzigrund 3:2 geschlagen. Es war im fünften Anlauf der erste Sieg von GC gegen den Nachbarn seit dem Abstieg in die Zweitklassigkeit. Nie haben die Grasshoppers in ihrem ersten Challenge-League-Jahr den FCW schlagen können!

Ihr 3:2 war keine schlechte Leistung, aber gewiss auch noch keine überzeugende. Eigentlich hätte der Spielverlauf für die Winterthurer zumindest ein Unentschieden hergegeben. Allein, das musste die Grasshoppers nicht kümmern. Kämpferisch boten sie eine gute Leistung, mit einer Startelf, in der nur Aussenverteidiger Allan Arigoni und die Flügel Petar Pusic und Nikola Gjorgjev standen aus jener Mannschaft, die das 0:6 aus nächster Nähe miterlebt hatte.

Pusic fiel auf, wie er vor dem 3:1 mit einem Sololauf einen Freistoss erzwang und den dann auch mit einem Heber über die Mauer verwertete. Morandi half das 1:1 vorbereiten und schoss das 2:1. Pusic half das 2:1 vorbereiten und war eben der Mann des 3:1. Und Rechtsverteidiger Nadjack lieferte zum ersten Tor den zweitletzten Pass und zum zweiten den direkten Assist.

Starker Neuzugang

Der 26-jährige Portugiese Nadjack war an diesem Tag von all den Neuen wohl auffallendster Einzelspieler. Auch seinetwegen fielen alle drei Zürcher Tore über die linke Abwehrseite der Winterthurer. Die wiederum haben sich, wie stets, den Aufstieg nicht zum Ziel gesetzt. Sie wollen sich weiter stabilisieren nach zwei 4. Plätzen in den ersten zwei Saisons unter Trainer Ralf Loose und mit Altmeister Davide Callà als Leader auf dem Platz und in der Kabine. Aber natürlich muss ihr Anspruch sein, sich bei Gelegenheit der Spitze weiter anzunähern. Trotz der knappen Niederlage (und dem Sieg eine Woche zuvor im Cup in Tuggen) ist vom FCW zu sagen: Es müsste ihm zumindest reichen, das Niveau der vergangenen Saison zu halten. Schwächer als GC wirkte er an diesem ersten Meisterschaftsabend auf keinen Fall. Was aus Zürcher Sicht noch beizufügen wäre: Die rund 1000, die hatten kommen dürfen, standen hinter ihrer Mannschaft.

Was nach den ersten zwei Pflichtspiel-Terminen der Challenge-League-Klubs beispielsweise noch zu sagen ist: Der SC Kriens, Überraschungsteam der vergangenen Saison, ist im Moment eindeutig stärker als Neuchâtel Xamax, der eine Absteiger. Die Luzerner gewannen zuerst im Cup in Neuenburg 4:1 und dann daheim in der Liga nicht minder unbestritten 3:1. Das musste seine Logik haben: In der Krienser Startelf standen neun Mann der vergangenen Saison, Xamax hat noch keinesfalls ein komplettes Team.

Zweimal getroffen haben sich auch Aarau und Wil, jeweils im Aarauer Brügglifeld. Im Cup waren die Aarauer eine Spur stärker und gewannen schliesslich im Elfmeterschiessen. In der Meisterschaft waren eine erste Halbzeit lang nur sie zu sehen, eine zweite nur die Wiler. Und die Ostschweizer mit ihrem neuen Trainer Alex Frei gewannen dann 3:1. Beide Teams schwankten zwischen gut und deutlich weniger gut – auch das typisch für die meisten der ersten Momentaufnahmen von dieser Liga.

Challenge League – diese Saison eine Blackbox

Oder dann gibt es den FC Chiasso. Was soll man von ihm halten, nach der Cup-Überraschung gegen den FCZ und einer 2:5-Niederlage in der Meisterschaft in Schaffhausen? Mehr als in der vergangenen Saison, aber jedenfalls weniger als von den ebenfalls massiv umgebauten Schaffhausern des Murat Yakin, die gegen Chiasso zum einen überzeugten, zum andern aber auch Spielglück hatten. Und das eine Woche, nachdem sie im Cup den FC Lugano bis zur letzten Minute der Verlängerung gefordert hatten. Der erste Eindruck ist zumindest mal dieser: Der FCS ist stärker als in der vergangenen Saison. Aber das ist, nach dem 9. Platz damals, auch nicht so schwierig. Die Yakins aber sprechen von hohen Zielen.

Dass Absteiger normalerweise wieder zu den Aufstiegskandidaten gehören, ist das eine. Dass dies im Moment auf Xamax nicht zutrifft, scheint klar. Aber auch der FC Thun sieht so viel anders aus, dass man nicht einfach sagen kann: Der gehört oben hin. Die Cup-Niederlage gegen Luzern muss man in der Lage der Berner Oberländer hinnehmen. Schon wesentlich zwiespältiger ist, dass sie im Heimspiel gegen Stade Lausanne-Ouchy mit einem 2:2 – nach einer 2:0-Führung notabene – noch gut bedient waren.

Fragen über Fragen – das also ist die Kernaussage zur Beginn der Saison. Sehr vieles wirkt möglich, klar scheint nur: Die Liga wird ausgeglichen sein, einen Überflieger jedenfalls wird es nicht geben. Anders als stets in den letzten Jahren, als der FCZ mit zwölf Punkten Vorsprung aufstieg, Neuchâtel Xamax mit 21, Servette mit 15 und Lausanne-Sport trotz seiner Schwächephase gegen Ende mit neun.

Hansjörg Schifferli