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GC Handball | 25.01.2019

HANDBALL | ARNO EHRET UND SEINE RÜCKKEHR ZU GC AMICITIA

Zwei Unentschieden und zwölf Niederlagen aus 14 Spielen dürfen durchaus als Anlass gesehen werden, den Trainer zu wechseln. Das also taten die Handballer von GC Amicitia zur Jahreswende, und sie fanden einen der grossen Namen des (Schweizer) Handballs, um sich ab dem 3. Februar vor dem Abstieg in die Nationalliga B zu retten. Es ist Arno Ehret, der als Spieler Weltmeister war, als Trainer der erfolgreichste Nationalcoach in der Geschichte des Schweizer Handballs. Und der nun zu GC Amicitia zurückkehrt, vier Jahre nach seiner Verabschiedung durch den Verein – durch andere Exponenten als die von heute, die ihn zurückholten.

Vor vier Jahren hatte sich GC Amicitia unter Ehret für die Finalrunde qualifiziert, nur einen Punkt lag die Mannschaft hinter (Playoff-)Platz 4. Der wurde dann verpasst. Es ging seither überhaupt bergab mit den Zürcher Handballern. Und jetzt stehen sie mit dem Rücken zur Wand. An Ehret dachten dann welche, die er kennt, die ihn kennen – „die mich vor allem als Trainer erlebten“, wie Ehret selbst sagt. Das sind der Präsident Philip Hohl, der Vizepräsident Sascha Schönholzer, der Ehrets Assistent sein wird, und der Sportliche Leiter Gian Grundböck.

Der Weltmeister ist wieder auf der GC Amicitia-Bank

Also war Ehret nicht mal ganz überrascht, als der Anruf kam. Die Anfrage erhielt einer, der im Dezember 65 geworden ist und nun als „Pensionär“ bezeichnet werden kann. Aus diesem Grund hat er auch eines seiner bedeutenderen beruflichen Mandate zum Jahresende aufgegeben, als Lehrbeauftragter für Handball an der Universität Basel, der er zwölf Jahre lang gewesen war. Weiter tätig bleibt er aber in der Erwachsenenbildung oder an Schulen. „Die Themen Leistung, Coaching und Führung sind der rote Faden in meinem Leben“, schreibt er auf seiner Homepage.

Da wunderts keinen, dass am Beginn dieses Berufslebens die Ausbildung zum Lehrer für Sport und Mathematik steht – wie bei Ottmar Hitzfeld, einem noch berühmteren Trainer mit GC-Vergangenheit. Der aus derselben Weltgegend stammt. Aus Südbaden, vom Rande des Schwarzwald, aus Lörrach Hitzfeld, aus Lahr Ehret. Aber der Lahrer Lehrer Ehret wurde vor allem ein berühmter Handballer, Linksaussen jener legendären Mannschaft um den exzentrischen Trainer Vlado Stenzel, die 1978 im Finalsieg gegen die Sowjetunion in Kopenhagen völlig unerwartet Weltmeister wurde. Der Zusammenhalt im Team um Männer wie Torhüter Manfred Hofmann, Heiner Brand, Erhard Wunderlich oder den später bei einem Europacupspiel in Ungarn schwer verunglückten Joachim Deckarm hält bis heute an. Um Geld für den schwer behinderten Deckarm zu sammeln, spielten sie bis ins höhere Alter immer wieder zusammen.

Als Ehret damals, als 25-Jähriger, in einer Kutsche durchs Dorf gefahren wurde, war er noch ein scheuer Bursche – jedenfalls viel scheuer denn als Handballer. Gespielt hat er ja auch stets auf dem Dorfe, beim TuS Hofweier, der nicht zuletzt dank ihm, dem zweifachen Bundesliga-Topskorer, mal Meisterschaftszweiter wurde. Gegen Ende seiner Karriere als Spieler war Ehret auch schon Trainer, drei Jahre in Hofweier, eine Saison beim aufstrebenden Nachbarn TuS Schutterwald. Hofweier hatten damals eine Zeitlang auch einen Schweizer Nationalspieler, Konrad Affolter, Kreisläufer aus der „Janjic-Generation“, der Zeit, als sich die Schweiz für Olympia 1980 qualifizierte.

Affolter, Lehrer auch er, und Ehret freundeten sich an. Und Affolter gab später dem Schweizer Handballverband, der nach der Heim-WM 1986 einen Nationalcoach suchte, den Tipp mit Ehret. Der war zwar noch sehr jung, als Trainer eigentlich ein unbeschriebenes Blatt. Aber das traf sich gut, weil der Verband nach den sehr teuren Jahren unter Sead Hasanefendic eine günstigere Lösung suchte. „Anfänger“ Ehret war die. Aber es konnte ja keiner ahnen, was daraus werden sollte: Ehret machte zuerst gleichsam seine Lehrjahre in der Schweiz. Er führte eine nicht sonderlich talentierte Mannschaft mit einem sensationellen Sieg gegen Deutschland in Belfort an der B-Weltmeisterschaft 1989 an die A-WM 1990. Und zum Ende seiner sieben (ersten) Jahre in der Schweiz wurde er, mit einem nun deutlich talentierteren Team um Marc Baumgartner, an der WM 1993 in Schweden Vierter – eine nächste Sensation. Ein wahres Meisterstück.

Vom Weltmeister zum Trainer

Dann suchte Ehret, gleichsam vom Landei zum Landedelmann gereift, seine Chance in der Heimat. Er wurde als Messias empfangen, denn der deutschen Nationalmannschaft gings nicht sehr gut. Nach zwei Jahren war Platz 4 an der WM in Island ein gutes Ergebnis. Aber Ehret war eben nicht nur Bundestrainer, sondern auch Sportdirektor – mit Büro gleich beim damaligen Trainingsgelände Ottmar Hitzfelds bei Borussia Dortmund. Das war zuviel. Die Resultate entsprachen bald nicht mehr den hohen Erwartungen, Ehret war nach vier Jahren nur noch Sportdirektor. Und dann, 2000, kehrte er in die Schweiz zurück. Dort war der Erfolg seit seinem Abgang weitestgehend ausgeblieben. Kaum war er zurück, qualifizierte sich die „Nati“ erstmals für eine EM-Endrunde – als klarer Aussenseiter in der Qualifikation gegen Ungarn. 2002 wurde in Schweden gespielt. Zwei Jahre später folgte, in Slowenien, die nächste EM. 2006 ging auch dieser Zyklus mit Ehret zu Ende, mit einer Heim-EM, in der die Schweiz die Hauptrunde knapp verpasste. 

Seither hat es die Schweiz an keine Endrunde einer EM oder WM mehr geschafft – vielleicht gelingt es Michael Suter ja jetzt, „mit der talentierteste Mannschaft seit 20 Jahren“, wie Ehret sagt. Er selbst baute nach 2006 seine zweite berufliche Karriere auf – und tauchte doch immer wieder im Klubhandball auf. Beim RTV Basel, eben bei GC Amicitia, als Berater des Aarauer Trainers Sascha Kaufmann – und dann vor einem Jahr gar bei den Schaffhauser Kadetten. Überall gings bergan, als Ehret wirkte. und bergab, als er gegangen war (oder hatte gehen müssen). Nur in Schaffhausen verfehlte er das Ziel, Meister zu werden. Er scheiterte mit dem hohen Favoriten im Playoff-Halbfinal an Pfadi Winterthur. „Nicht wie gewünscht“, sei es da gelaufen, gesteht Ehret. Er habe wohl den Fehler gemacht, „der Mannschaft zu viel Vertrauen zu übertragen“ – ausgerechnet er, der in früheren Jahren berühmt dafür war, seinen Teams zumal taktisch alles und jedes vorzugeben …

„Ich mache es ganz einfach, weil mich der Handball noch immer interessiert“

Dass er es jetzt, mit 65, bei GC Amicitia nochmals versucht – das kann einen wundern. Er hält sich darob nicht auf und sagt: „Ich mache es ganz einfach, weil mich der Handball noch immer interessiert“, sagt er. Das Motto sei, fügt er bei: „Was ich spannend finde, mache ich.“ Spannend eben findet er eben noch immer, eine Handballmannschaft zu führen. Was andere darüber denken könnten, braucht ihn nicht mehr zu kümmern. Er hat niemandem mehr etwas zu beweisen.

Ein kleines Alterswerk soll nun werden, in der Saalsporthalle den Klassenerhalt zu schaffen. Gegen jeden Gegner aus der Abstiegsrunde spielt GC Amicitia noch dreimal, Fortitudo Gossau  hat zwei Punkte mehr, der RTV Basel fünf – sie sind die direkten Rivalen. Der HC Kriens Luzern mit seinen 15 Punkten ist unantastbar. Die Luzerner werden sich, mit den sechs Finalrunden-Teams, für die Playoffs qualifizieren. Das wird auch der Achte, der im besten Fall GC Amicitia heissen wird. Theoretisch also kann Ehret gar noch Meister werden. In der Praxis aber muss er weit eher damit rechnen, in einem Playout des Neunten gegen den Zehnten bis zuletzt um den Klassenerhalt zu kämpfen. Dass seine Mannschaft zumindest den schafft – davon ist Ehret allerdings absolut überzeugt.

Hansjörg Schifferli