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GC Handball | 28.09.2018

HANDBALL | EIN PRÄSIDENT ZUM ANFASSEN

Rechtzeitig vor Beginn der noch jungen Saison bekam die Profi-Abteilung von GC Amicitia einen Vorstand, eine Gruppe um den ehemaligen GC Linksaussen Philip Hohl, Sohn des GC Urgesteins Jürg (72), der bei 15 Titeln des Rekordmeisters und Rekord-Cuspsiegers treibende Kraft war. Ihr Projekt, GC Amicitia mittelfristig wieder zu einer Grösse im Schweizer Handball zu formen, ist längerfristig angelegt. Die Mannschaft soll wieder sportlich erfolgreich und die Abteilung finanziell stabil werden.

In den letzten Jahren wurde die Profi-Abteilung GC Amicitia zuweilen ordentlich durchgeschüttelt. Präsidenten- und mit einhergehende Richtungs-Wechsel schlugen sich auch in den Leistungen der Mannschaft nieder. Letzte Saison war das Präsidentenamt gar verwaist, das Team sicherte sich nach einem Trainerwechsel erst in extremis den Ligaerhalt. Aber jetzt haben sich mit Phillip Hohl, Simon Massari, Schascha Schönholzer und Gian Grundböck ehemalige Handballer, alle mit Zürcher Vergangenheit, zusammengefunden und sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Ruhe in die Profi-Abteilung zu bringen, sondern mittelfristig das NLA Team wieder dorthin zu führen, wo es hingehört – in die vordere Tabellenhälfte. „Wir sind der Traditionsklub, der Rekord-Meister und -Cupsieger, aber wir können nicht von der Vergangenheit leben, wir müssen „liefern““, sagt Philip Hohl, sieht aber die aktuelle Saison als Übergangsjahr an. „Wir setzen die Mannschaft nicht unter Druck, sie muss zunächst den Stress der vergangenen Saison abschütteln. Kontinuität und Nachhaltigkeit haben in unserer Situation absolute Priorität. Ob das Team in vier oder fünf Jahren an der Spitze sein wird, ist im Moment nicht wichtig. Wichtig ist, dass unsere jungen Spieler wegen mangelnder Perspektiven nicht mehr davonlaufen. Und wir wollen unseren Partnern Transparenz bieten. Sie müssen wissen, wo die finanziellen Mittel bei uns eingesetzt werden», führt Hohl aus. Immerhin musste die neue Vorstands-Crew keine Altlasten übernehmen. «Wir hatten vor Amtsantritt zur Bedingung gemacht, dass die offenen Posten von den bisherigen Verantwortlichen ausgeglichen wurden», erläutert der Präsident. In dieser Saison verfügt GC Amicitia über ein Budget von CHF 650'000. «Wir führen GC/Amicitia wie Unternehmer, wir geben nur aus, was wir haben», betont der Präsident.

Viel Handballverstand

Die neuen Verantwortlichen wissen, wovon sie sprechen. Sie kommen alle vom Handball, spielen noch zusammen mit anderen ehemaligen Cracks in einer 2. Liga-Plauschmannschaft und zeigen Nähe zum Team. Philip Hohl ist ein „Präsident zum Anfassen“. Er ist nahe an der Mannschaft: „Es gibt fast nichts Schädlicheres, als wenn sich die Spieler alleingelassen fühlen...“, sagt er denn auch. „Wir schiessen nicht Millionen ein, aber wir sind mit Herzblut dabei, wollen GC Amicitia wieder zu einer Familie zusammenführen, mehr Bindung erreichen und wieder Zuschauer in die Saalsporthalle bringen. Der Sympathisanten-Kreis ist gross, nur muss ihm wieder ehrlicher Handballsport geboten und reaktiviert werden, eine Strategie, die wir „Coming Home“ nennen“, so Philip Hohl. Erste positive Signale, dass dieses Unterfangen gelingen kann, konnten anlässlich des letzten Heimspiels festgestellt werden: Gegen 40 Ehemalige folgten der Einladung zu einem Apéro. Sie liessen nicht nur alte Zeiten aufleben, sondern einige zeigten auch spontan Bereitschaft, in irgendeiner Form den Aufbruch zu unterstützen. 

Erster Meisterschaftspunkt

Zur guten Stimmung beigetragen hat sicher auch der in der vierten Runde vorangegangene erste Punktgewinn gegen den amtierenden Meister Wacker Thun: Bis kurz vor Spielschluss hatte GC Amicitia geführt, am Ende gab’s aber ein Remis. Immerhin ein Punkt, dank dem das Team aufgrund des besseren Torverhältnisses die Rote Laterne abgeben konnte. Auch die vorangegangenen Partien waren, mit Ausnahme des Startspiels gegen St. Omar St. Gallen „enge Kisten“: Gegen Basel mit einem Tor Differenz verloren, gegen Pfadi Winterthur einen Sechs-Tore-Rückstand aufgeholt, kurz vor Schluss gar geführt, am Ende fehlte nur ein Törchen. Die Leistungen stimmen hoffnungsvoll. Es macht sich wohl bezahlt, dass die letztjährige Mannschaft bis auf drei Spieler zusammengehalten und im gleichen Umfang (Nikola Marinovic, Albin Alili und Jost Brücker) ergänzt werden konnte. Goalie Marinovic rettete gegen Thun noch das Remis, wechselte nur vier Tage später leihweise bis Weihnachten in die Bundesliga, wo er bei Wetzlar den verletzten Tibor Ivanisevic vertritt. Für Jahrbeginn ist auch damit zu rechnen, dass die beiden Langzeitverletzten, Simon Schild und Adam Bakos, dem Team wieder zur Verfügung stehen werden. „Wir wollen die Finalrunde erreichen“, formuliert Philip Hohl das sportliche Ziel. Trainer Norman Kietzmann, der in der letzten Saison erst spät als Nothelfer, zusammen mit Assistent Toni Kern, eingesprungen ist und den Ligaerhalt geschafft hat, soll auch wieder vermehrt junge Spieler einbauen. „Es kann nicht sein, dass im letzten Playoff-Final in beiden Teams sechs von GC Amicitia ausgebildete Talente spielten. Hätten wir diese halten können, würden wir um den Titel spielen“, sagt Philip Hohl.

Ein Kind der Saalsporthallte

Philip Hohl ist eigentlich in der Saalsporthalle aufgewachsen. Er verfolgte die Aktivitäten seines erfolgreichen Vaters. Bald einmal entwickelte sich der Wunsch, dereinst auch im GC Dress aufzulaufen. In der Saison 1998/99 war es dann soweit. Nach der Juniorenzeit und zwei NLB-Saisons bei Horgen wechselte er zum GC Team, wo er während drei Saisons am linken Flügel spielte. Als der damalige Präsident Noldi Schuler mit Pascal Jenny einen zweiten Spieler auf dieser Position verpflichtete, verliess Hohl den Club („Ich bin keine Nummer 2“, Zitat) und wechselte 2003 zu den Kadetten Schaffhausen. Vor zehn Jahren beendete er vorübergehend seine Aktivzeit bei Stäfa. Vorübergehend deshalb, weil er nach Reisen, Ausbildung und beruflichem Karriereaufbau (Hohl ist Mitinhaber einer Online Agentur) wieder vom Handballfieber“ gepackt wurde, schloss sich einem Team ehemaliger Spitzenhandballer an, das die 2. Liga-Meisterschaft bestreitet. 

Und dann kam die Anfrage, für GC Amicitia tätig zu werden. „Es hat mich gereizt, wieder im geilsten Sport zu arbeiten, wieder ehemalige Mitstreiter oder Gegner zu treffen, zum Teil auch mit ihnen wirtschaftlich verbunden zu sein“, schwärmt Philip Hohl. Bei aller Freude weiss Hohl aber auch um die Verantwortung, die er mit seinen Vorstandskollegen übernommen hat: „Wir sind nicht blauäugig in dieses Projekt gestiegen, wir wissen, dass wir das Pflänzchen GC Amicitia pflegen müssen.“ Sagt es und nimmt den Ball, den er zum Gespräch mitgenommen hat: „Diesen Ball putze ich jetzt auf der GC Amicitia-Ballreinigungsmaschine, damit wir mit dem Küsnachter Team im morgigen Spiel ein gutes Spielgerät haben...“, schmunzelt und weist darauf hin, dass ihm eigentlich noch „alle Knochen“ vom sonntäglichen Spiel gegen Schwamendingen schmerzen. 

Aber die Schmerzen wird er nicht mehr spüren, sobald er mit seinen Kollegen in die Halle einlaufen wird.

Übrigens: Nächste Gelegenheit, GC Amicitia in der Saalsporthalle zu besuchen, bietet sich nächsten Samstag, 6. Oktober, 19 Uhr, im Spiel gegen GC Kriens-Luzern.

Eugen Desiderato