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GC Handball | 26.05.2018

HANDBALL | LIGAERHALT IN EXTREMIS

Sowohl die Damen als auch die Herren haben’s in der abgelaufenen Saison sehr spannend gemacht. Erst im letzten Spiel konnten beide Teams den Ligaerhalt schaffen. Den Herren gelang das Kunststück, in den Playouts gegen den TV Endingen in der Serie best-of-five einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg umzuwandeln und damit den Verbleib in der NLA zu sichern. Auch die Damen konnten im letzten Saison-Spiel ihre beste Saisonleistung abrufen. 

Auswärts gegen SG Yverdon & Crissier kamen die Girls von Trainer Toni zu einem 35:17-Kantersieg, mit dem sie die punktgleichen Kreuzlingerinnen überflügelten und damit erstklassig bleiben. Manche könnten in Zukunft auf solche Dramatik verzichten, aber spannend war’s für den Handballfreund. Im entscheidenden fünften Playoff-Spiel wurden die GC Amicitia-Herren von über 1'400 Zuschauer in der Saalsporthalle unterstützt, eine Kulisse, die seit Jahren nicht mehr bei GC Amicitia-Heimspielen zu sehen war. Handball wird also doch auch in Zürich wahrgenommen. Massgeblichen Anteil für die tolle Stimmung in der Halle hatte neben den Spielern auch der für diese Partie aus Berlin eingeflogene Speaker der Füchse Berlin, Markus Assemacher. Toni Kern hatte seine Beziehungen zu seinem ehemaligen Verein spielen lassen. Der Gast-Speaker verstand es vortrefflich, auch die Zuschauer zu Höchstleistungen anzutreiben. 

Wie sagte die Eishockey-Legende der ZSC Lions, Mathias Seger doch kürzlich: «Der stärkste Muskel ist das Herz.» Das stellten auch die GC Amicitia-SportlerInnen unter Beweis. Sie setzten sich trotz vieler Unwägbarkeiten nach Kräften ein und konnten am Ende jubeln. «Alles reinzuwerfen» war aber auch nötig. Denn beide Teams hatten von Beginn der Saison und praktisch über die gesamte Spielzeit hinweg mit grossem Verletzungspech zu kämpfen. 

Damen: Geackert wie in der ganzen Saison nicht

Die GC Amicitia Damen sind über Jahre hinweg ein Lift-Team gewesen. Es ging rauf und runter rauf. Der letzte Aufstieg wurde mit einem jungen Team erreicht und Toni Kern setzte für die abgelaufene Saison die Ziele höher. Sie wurden aber nicht erreicht, der Ligaerhalt konnte erst im letzten Spiel erreicht werden. Die Girls waren durch acht verletzungsbedingte Ausfälle verunsichert, obwohl die Spielerinnen zum Teil wieder zurückkamen oder wieder ausschieden, u.a. auch durch andere Gründe. Aber sie zeigten im Schlussspiel Charakter. „Die Mädels haben geackert wie in der ganzen Saison nicht“, stellt Toni Kern fest, „waren von der ersten Sekunde des Spiels bereit und haben sich den Sieg verdient. Man muss doch konstatieren, dass meine Girls noch immer Nachwuchsspielerinnen sind und jeweils gegen gestandene Gegnerinnen antreten müssen. So gesehen, können sie mit dem Erreichten zufrieden sein.“ Und in der neuen Saison können sie’s besser machen, wieder unter der Leitung des Cheftrainers Toni Kern.

Herren: Leistungsträger kamen für Teileinsätze zurück

Auch bei den Herren fielen u.a. die besten Torschützen aus, die Linkshänder Manuel Fritsch und Adam Bacos, ebenso Max Dannmeier, Sergio Muggli und Simon Schild. Glücklicherweise kamen sie in den letzten Spielrunden zurück, auch wenn nur teilweise, so konnten sie dem Team dennoch entscheidend helfen. Vor allem auch die Unterstützung von Sergio Muggli in seinen Teileinsätzen war wegen seiner u.a. in der Champions League gesammelten Erfahrung ein wichtiges Puzzle, dass die Serie noch zu Gunsten der Zürcher gedreht werden konnte. Und auch Fritsch kam im letzten Spiel für die letzten 10 Minuten noch aufs Spielfeld und warf in dieser Zeit drei Treffer. Der Trainer arbeitete auch noch mit einer besonderen Motivationsspritze: Dem Team eröffnete er erst 30 Sekunden vor Verlassen der Kabine, dass Muggli zum Einsatz kommen würde. «Diese Message bewirkte unglaubliches, die Spieler waren bis in die Haarspitzen motiviert, glaubten an ihre Chance», erzählt Norman Kietzmann, ehemaliger GC Amicitia-Spieler und langjähriger, erfolgreicher Juniorentrainer. Er löste vor drei Monaten Markus Berchten als Cheftrainer ab und übernahm die nicht ganz leicht zu lösende Aufgabe, mit dem verunsicherten Team den Liga-Erhalt zu schaffen. «Als Freund des schnellen Handballs habe ich als erstes das Schwergewicht auf den Positionsangriff und das Tempo gelegt, denn unsere Angriffseffizienz war ungenügend. Am augenfälligsten wurde der erreichte Erfolg im letzten Spiel, als wir in der ersten Halbzeit von 12 Treffern allein sieben durch Tempospiel erzielt haben.» Und schliesslich hat der ehemalige Spitzenhandballer auch versucht, trotz aller Ernsthaftigkeit, auch etwas Lockerheit und Spass ins Team zu bringen. 

In den Playout-Spielen wurde Norman Kietzmann von Toni Kern, dem Trainer des Damen-Teams unterstützt. Beide kennen sich seit Jahren und haben sie dann und wann schon gegenseitig unterstützt. Diese Massnahme war nötig geworden, da das Verletzungspech auch auf der Bank zugeschlagen hatte: der etatmässige Assistent hatte sich auch einen Kreuzbandriss zugezogen.

Norman Kietzmann: «Toni hat mich immer beruhigt, gesagt, dass wir das schon schaffen würden. Diese Stütze war nötig für mich, denn eine solcher Abstiegskampf belastet einem mental sehr stark. Ich konnte in mancher Nacht kein Auge zu machen.» Es ist eben schon zu berücksichtigen, dass die Mannschaft sehr jung ist, und vor allem den Stress, der solche Schicksalsspiele verursacht, nicht kennen. Am Ende profitierten wir auch davon, dass nach dem Ausgleich der Druck für den Gegner, der die Serie 2:0 geführt hatte, stärker war. Mit vielen Massnahmen haben wir unsere Jungs doch dahin gebracht, dass sie für das «Finale» bereit waren. Vor allem haben wir auch den Teamspirit reaktiviert.» 

Die Aufgabenteilung zwischen Norman Kietzmann und Toni Kern waren klar abgesteckt: «Norman war Cheftrainer, ich Assistent», erzählt Toni Kern und lacht, wird aber gleich wieder ernst: «Ich kümmerte mich um einzelne Spieler, vor und während des Spiels. Ich bereitete sie anhand von Video-Analysen auf ihre jeweilige Aufgabe vor». Norman Kietzmann war für das Spielsystem zuständig und behielt über die 60 Spielminuten das Ganze im Auge: «Der Trainer muss während der gesamten Spielzeit den Fokus auf das Spielfeld haben.» Die Aufgabenteilung hat bestens geklappt, weil wir die selbe «Handballsprache» sprechen. «Wir haben in dieser Saison elfmal gegen Endingen gespielt, da kennt man den Trainer und dessen Ideen schon», sagt Kietzmann, «deshalb stellten wir uns darauf ein, und vereinfachten unser Spiel. Von den acht, neun Spielzügen, die wir normalerweise einsetzen, haben wir vier, fünf trainiert, immer das 5:1-System trainiert und damit den Spielern Sicherheit gegeben. Die Individualtrainings wurden in der Endphase reduziert.»

Toni Kerns unglaubliche Woche

Für Toni Kern war’s eine unglaubliche Woche. Am zweiten Mai schenkte ihm seine Frau ein Mädchen und am 5. Mai führte er seine Handball-Girls zum Ligaerhalt und einen Tag später erreichte er als Assistent gleiches mit dem Herrenteam. «Mit den Damen hatten wir enormes Verletzungspech», sagt Toni Kern, «deshalb ist die Hinrunde bis Dezember nicht gut gelaufen, die Teamleistungen waren zu schwankend, wir kamen einfach nicht in die Gänge. Dann sind wir im Januar neu gestartet, legten den Fokus auf die Abstiegsrunde. Aber die nötige Kontinuität wollte sich nicht einstellen. Verletzte kamen zurück, andere schieden wieder. Manche Motivationsspritze war nötig, um das Team dennoch bei Laune zu halten. Aber das wichtigste ist schliesslich, dass die Girls im letzten, entscheidenden Spiel ihre beste Saisonleistung zeigen und einen fulminanten Sieg erspielen konnten. Am Spielende mussten wir dann noch einige Minuten warten, bis das Fernduell in Kreuzlingen auch beendet war. Dann konnten wir in Jubel ausbrechen. Das Minimalziel, der Ligaerhalt war geschafft. Und ich musste mich schon auf der Heimfahrt auf eine weitere harte Aufgabe konzentrieren, Norman am nächsten Tag beim alles entscheidenden Spiel gegen TV Endingen zu unterstützen.»

Alle haben ihren Beitrag geleistet

Norman Kietzmann legt Wert auf die Feststellung, dass neben den Spielern und Trainern alle Funktionäre, wie Physios, Mediziner, Nachwuchstrainer etc. einen aussergewöhnlichen Beitrag geleistet haben. Kietzmann: «Da mussten Trainingseinheiten abgetauscht und Sonderschichten gefahren werden. Diese Flexibilität und dieser Einsatz verdient hohen Respekt.» Bleibt zu hoffen, dass dieser Effort anhält und durch dieses Zusammenrücken eine Basis für eine erfolgreichere Zukunft gelegt wurde. 

Wie weiter?

Toni Kern wird weiterhin der Damen-Abteilung vorstehen und das SPL1 Team als Headcoach führen. Offen ist noch die Trainersituation bei den Herren, bei denen nach dem heutigen Stand der Dinge die Spieler weitgehend zusammen bleiben. Allein die Trainerfrage ist noch offen. Norman Kietzmann: «Es würde mich reizen, die GC Amicitia-Herren-Mannschaft weiterhin zu betreuen. Ein erstes Gespräch wurde geführt bei dem ich mein Konzept Sportchef Daniel Hauser vorgestellt habe, die Entscheidung steht aber noch aus.» Die neue Saison beginnt im August, bis zu deren Vorbereitung müssen diese Fragen geklärt sein.

Eugen Desiderato