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GC Rugby | 27.11.2020

RUGBY | ETHAN GLASS: JUNG, SCHOTTISCH, GUT

Ethan Glass ist zwar ein 22-jähriger Jüngling – Autorität geniesst er als Rugby-Schiedsrichter dennoch. Er pfeift als Mitglied der GC Sektion Rugby Spiele der nationalen Ligen, aber auch international für den Europäischen Verband. Sein Fernziel: Olympia 2024.

Der Schiri ist ein armes Schwein. Er muss Kraftprotze bändigen, Regeln durchsetzen, Autorität ausstrahlen – und sich oft beschimpfen lassen. Wie sieht ein Mann aus, dem wir die Bewältigung dieser Aufgabe zutrauen? Wohl nicht wie Ethan Glass. Er ist 22 Jahre jung und eher schmächtig im Vergleich zu den Athleten, über die er richtet. Gleichwohl ist er Ref – und ein überaus guter!

Ethan Glass ist Schotte und leitet für den Grasshopper Club Rugby-Spiele: In der LNA debütiert er 2017 – mit 19 Jahren. Nie war ein Rugby-Ref auf Schweizer Boden jünger. Sein Geheimnis? «Ich bin kommunikativ. Ich sage allen: Ich bin Ethan, nicht irgendein Sir. Ich erkläre den Spielern auch, weshalb ich wie entschieden habe.» Und offenkundig entscheidet er meistens richtig, wie sein Aufstieg belegt.

Der beginnt ganz früh. Als er vierjährig ist, melden ihn seine Eltern im Ayr Rugby Football Club an. Hier, im Südwesten Schottlands, kommt Glass 1998 zur Welt. Ethan spielt Rugby und bald auch Fussball – erst im Mittelfeld, dann im Tor. Zumeist ist er Captain. «Weil ich gerne geschrien habe.»

Für Chelsea und die schottischen Nati brennt er bis heute. Noch am Tag nach deren Elfer-Krimi gegen Serbien samt erfolgreicher Endrunden-Quali ist er aufgekratzt. «Ich war noch nie in meinem Leben so nervös wie bei diesem Spiel.»

Schiri werden? Erste Reaktion: Nie im Leben!

In die Schweiz kommt er 2013. Seinem Stiefvater wird ein Bank-Job in der Schweiz angeboten – und die Familie will mit. Seither leben sie in Herrliberg: Ethan, seine Mutter, deren Mann und die beiden Schwestern, neun- und siebenjährig.

Ethan integriert sich rasch. Er geht in Erlenbach auf die öffentliche Schule – und nicht auf die International School. Es lohnt sich! Wer mit ihm spricht, ist verblüfft, wie selbstverständlich er schweizerdeutsch zu plaudern vermag.

Klar, dass er sich bald bei der Zurich Rugby Academy anmeldet – und beim FC Herrliberg. Für dessen B- und A-Junioren steht er im Tor. Stets wird ihm erzählt, dass ein anderer in jungen Jahren dasselbe tat: Nati-Goalie Yann Sommer.

Bis 2015 macht KV-Stift Glass beides: Montags, mittwochs, freitags spielt er Fussball, dienstags und donnerstags Rugby. Wettkämpfe kommen dazu. Weil die Rugby Academy auf der Allmend Brunau mit der Rugby-Sektion von GC trainiert, lernt Glass deren Verantwortliche kennen. Ein permanenter Austausch beginnt.

Irgendwann wird der Aufwand zu viel. Glass muss sich entscheiden und gibt dem Rugby den Vorzug – auch wegen der Perspektiven. «Wenn alles perfekt gegangen wäre, hätte ich LNB oder vielleicht LNA spielen können.»

Das tut es aber nicht. Früh schon plagt ihn der Körper, vor allem das Knie. Und gleichzeitig wird er gefragt, ob er sich vorstellen könne, Schiedsrichter zu werden. Es gibt schliesslich grossen Bedarf an jungen Refs – auch bei GC. Glass lacht und sagt: «Meine Antwort war lange immer dieselbe: Nein.»

Als aber wegen einer kaputten Schulter eine lange Pause droht, gibt er nach. «Irgendwann dachte ich: Why not? Dann mache ich mal den zweitägigen Schiedsrichter-Kurs.»

Da beweist Glass nicht nur Talent, wie ihm etwa Ex-Topschiedsrichterin Rachel Boyland bescheinigt – er hat auch Spass! Glass bleibt dran. Er belegt einen Kurs des Welt-Rugby-Verbands in Belgien. Und leitet erste Spiele: Freundschaftspartien, U16, U18, LNC, LNB. Daneben spielt er noch bis 2016 als Aktiver.

Einmal geschubst – sonst unantastbar

Fast immer sind die Feedbacks der Ref-Beobachter positiv. Nur für ein LNB-Playoff-Spiel wird er im Frühjahr 2017 negativ beurteilt. Ein Vorwurf: schlechtes Stellungsspiel. Er sagt: «Ich war katastrophal, aber ich habe viel daraus gelernt.» Er spürt: Nicht immer geht’s nach oben – bedingungslose Konzentration ist stets gefragt.

Ein Mentor ist Malcolm Cotton. Der Engländer pfiff in den 80ern Fussballspiele in der englischen Division 1 – der höchsten Liga vor Gründung der Premier League. Noch als 69-Jähriger leitet er Rugby-Spiele. Auch zu Howard Webb schaut Glass hoch, dem früheren Fussball-Spitzen-Ref.

Am 4. November 2017 betritt Glass die höchste Schweizer Rugby-Bühne: Er leitet das Spiel Stade Lausanne vs. Rugby Club Cern. Mühelos. Probleme hat er später nur einmal, als ihn ein  Spieler schubst – und trotz Entschuldigung fünf Monate gesperrt wird. Sonst fühlt er sich anerkannt und nimmt mit Humor, wenn ihn Spieler mal «Prinzessin» nennen.

Das gilt auch für die internationale Ebene. Allein 2019 leitet er für den europäischen Verband in fünf Ländern Spiele: in Lettland, Israel oder Malta. In Telv Aviv pfeift er im Mai 2019 das Herren-Testspiel zwischen Israel und Bosnien – und auch da verdient er sich als 20-Jähriger das Prädikat: jüngster Schiri der europäischen Rugby-Geschichte.   

Und nun? Wo will einer hin, der als Jüngling schon international agiert? «Olympia 2024 in Paris!», sagt er bestimmt. Dafür will er sein Training optimieren – derzeit läuft er bloss gelegentlich. «Ich ginge gerne ins Fitnessstudio, aber das ist in der Schweiz verdammt teuer», sagt Glass. Muskeln im Überfluss braucht er ohnehin nicht, um autoritär zu sein.

Michael Schifferle