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25.04.2016

Camara und Papa Bouba "in Florenz"

Wir kennen alle die illegal arbeitenden fliegenden Händler, die vornehmlich in Touristenmetropolen mehr oder weniger Unnötiges anbieten, ausser, wenn plötzlich ein Platzregen über die Stadt herniedergeht und sie dann mit einem Regenschirm zur Stelle sind, ist man froh über ihr Angebot. Was ihr Sortiment angeht sind anpassungsfähig. In Zeiten der Selfies halten die umtriebigen Händler sogenannte Selfie Sticks feil, damit sich die Selbstknipser nicht mehr die Köpfe verrenken oder die Arme verwickeln müssen. 

Vor wenigen Tagen glaubte ein Afrikaner auf der Piazza del Duomo im Schatten des altehrwürdigen Florenzer Doms auch mich mit einem dieser Selfie Sticks beglücken zu müssen. Er war sehr freundlich, unaufdringlich, erzählte während des Verkaufsgesprächs, dass er aus Senegal käme und Camara heisse. André Camara. Ein Name, der einem Grasshopper natürlich schöne Erinnerungen aufkommen lässt. Ich fragte ihn nach seiner Fussball-Affinität. Selbstverständlich liebe er Fussball über alles. Er habe auch einen berühmten Namensvetter: Henri Camara. Aber er müsse zugeben, es gebe noch einen Grösseren: Papa Bouba Diop, der sei noch viel besser gewesen... 

Es überraschte, dass er ausgerechnet einem Grasshopper diese beiden Namen nannte. Als ich ihm eröffnete, beide gut zu kennen, standen Freudentränen in seinen Augen. Er erzählte vom wieselflinken Henri und schwärmte vom robusten Papa Bouba, der im WM Eröffnungsspiel der WM 2002 gegen Frankreich den 1:0-Siegtreffer erzielte und damit in seinem Land Berühmtheit erlangte. Nach dem GC-Engagement spielte Camara bei CS Sedan, Wolverhampton,Celtic Glasgow, Wigan Athletic, West Ham United etc. und aktuell mit Kontrakt bis Ende dieser Saison beim unterklasssigen griechischen Apollon Smyrnis. Er erzielte in 99 Länderspielen 31 Treffer. Papa Bouba (38), der seine Aktivkarriere 2013 bei Birmingham City beendet hat, war u.a. bei RC Lens, FC Fulham, AEK Athen und West Ham United tätig. Sein Palmarès umfasst 63 Länderspiele (11 Tore) und u.a. 129 Premier League und 47 Ligue 1-Spiele.

Ich hätte mich mit dem senegalesischen Händler noch lange über seine Landsleute unterhalten können, wenn nicht plötzlich ein zischendes „Polizia“ auf dem Platz zu hören gewesen wäre. Der senegalesische Händler wiederholte das Wort und verschwand in eine Seitengasse, gefolgt von vielen seiner Kollegen. Sekunden später kamen zwei Polizisten vorbei, verfolgten die „Ausreisser“, aber nur mit Blicken – und gingen weiter. Obwohl offenbar ohne Gewerbeschein arbeitend lassen die Polizeiorgane die Händler gewähren.  

Während der senegalische Händler inzwischen wohl auf einem anderen altehrwüridgen Platz in Florenz, z.B. der nahegelegenen Piazza Santa Croce seine Selfie Sticks anbot, liess ich bei einem Espresso die GC Zeit der beiden Senegalesen nochmals vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Schliesslich hinterliessen Camara und Papa Bouba auch beim Grasshopper Club Zürich ihre Spuren. Sie wurden im Januar 2001 zur Rückrunde verpflichtet, nachdem im Winter überraschend Toni Esposito und Hakan Yakin einer lukrativen Offerte von Cagiari bzw. dem FC Basel folgend, den GC verlassen hatten und die von ihnen hinterlassene Lücke geschlossen werden musste. 

Für mich unvergessen bleibt, neben den sportlichen Leistungen der beiden, eine Episode, die sich anlässlich des GC Trainingslagers im südafrikanischen Durban zutrug. Kurz vor Mitternacht traf ich einen suchenden Papa Bouba in den Gassen der Stadt am Indischen Ozean an. Auf meine Frage, ob ich ihm helfen könne, was denn vorgefallen sei, entgegnete er, dass er Bananen brauche, Henri habe Hunger. Es hätte eine Ausrede sein können, um seinen nächtlichen Ausflug zu rechtfertigen, aber ich glaubte ihm. Bouba, ein Baum von einem Mann, beschützte ständig seinen filigranen Landsmann Henri, wie ein Vater seinen Sohn.

Vielleicht sogar wegen der Bananen führten sich die beiden Senegalesen prächtig ein: In ihrem ersten Einsatz erzielten Camara und auch Papa Bouba Diop je einen Treffer zum 2:1-Sieg gegen den amtierenden Meister FC St. Gallen und stiegen in der Folge vor allem neben Nunez und Chapuisat zu Publikumslieblingen auf. Flügelflitzer Camara war es dann auch, der im Meisterschaftsendspurt gegen den FC Basel in der Nachspielzeit mit einem herrlichen Scherenschlag unter die Querlatte das 3:3-Remis sicherstellte, mit dem die Hoppers im Meisterschaftsrennen mit dem führenden FC St. Gallen gleichauf blieben. Wenige Spiele später kam es in der letzten Meisterschaftsrunde zur Direktbegegnung, zum Showdown. Im altehrwürdigen Espenmoos gewannen die Hoppers 4:0 und holten sich unerwartet den Meistertitel, der nach der Rückkehr nach Zürich im ebenfalls altehrwürdigen Stadion Hardturm zusammen mit vielen GC Fans zu nächtlicher Stunde gebührend gefeiert wurde. 

Übrigens: Seit den Tagen in Florenz bin auch ich Besitzer eines Selfie Sticks und der senegalesische Händler wird, wie auch ich, noch oft an Henri Camara und Papa Bouba Diop denken... 

Eugen Desiderato ist seit 25 Jahren für den Grasshopper Club Zürich journalistisch tätig. In der Kolumne Erinnerungen blickt er zurück auf viele interessante Begegnungen mit ebenso interessanten Persönlichkeiten.