GC INSIDER: Remo, du leitest seit knapp zwei Jahren die Nachwuchsarbeit bei GC. Welche Philosophie verfolgst du dabei?
Remo Gaugler: Im Zentrum steht die Entwicklung junger Menschen. Unsere Aufgabe ist es, Spieler so auszubilden, dass sie langfristig den Schritt in den Profifussball schaffen. Dafür ist es entscheidend, wie konsequent man junge Spieler sportlich, aber auch als Persönlichkeiten entwickelt. Talentierte Spieler und gute Ausbildungsprogramme gibt es viele. Bei GC ist unser Anspruch, Spieler auszubilden, die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und auch in schwierigen Momenten stabil bleiben. Hier wollen wir uns bewusst positionieren und abheben.
Was ist dir dabei in der täglichen Arbeit besonders wichtig?
Es gibt viele Faktoren, die zusammenspielen, aber zwei Punkte sind zentral. Erstens sind dies die Werte. Ohne einen offenen, ehrlichen und fairen Umgang ist nachhaltige Entwicklung nicht möglich. Deshalb haben wir einen verbindlichen Kodex eingeführt, der für alle im Klub gilt. Er regelt, wie wir miteinander umgehen, wie wir kommunizieren und welche Regeln gelten. Der Kern davon ist Vertrauen und Verlässlichkeit. Diese Werte bilden die Grundlage unserer Ausbildung.
Zweitens ist es die Intensität. Sie ist nicht verhandelbar. Jede Trainingseinheit, jede Übung, jede Spielform ist darauf ausgerichtet, unter hohem Tempo und grossem Druck zu funktionieren. Nur so lernen die Spieler, auch dann gute Lösungen zu finden und ihre technischen Fähigkeiten abzurufen, wenn es zählt.
Dazu gehört es, dass Trainer klare Leitlinien vorgeben, innerhalb derer die Spieler auf dem Platz selbst Entscheidungen treffen sollen – auch unter Druck und mit der Freiheit, Fehler zu machen. Entscheidend ist, dass diese Fehler offen angesprochen werden, auch wenn das unbequem ist. Wichtig ist, dass Fairness und Verlässlichkeit jederzeit gewahrt bleiben.
Wie definierst du Erfolg im Nachwuchs?
Erfolg hat zwei Ebenen. Natürlich wollen Spieler und Trainer am Wochenende gewinnen – das gehört dazu und muss so sein. Für die Nachwuchsarbeit ist das aber nur ein Teil der Wahrheit.
Zentral ist, ob wir Spieler entwickeln, die das Aussergewöhnliche mitbringen und langfristig das Potenzial zum Profi haben – idealerweise für die Super League oder in einer internationalen Top-Liga. Das lässt sich nicht kurzfristig messen, sondern nur über Zeit: nämlich daran, welche Spieler sich auf höchstem Niveau durchsetzen.
Wie hat sich der GC Nachwuchs in den letzten eineinhalb Jahren entwickelt?
Wir haben besonders in der individuellen Begleitung von Perspektivspielern deutliche Fortschritte gemacht. Dafür braucht es aber auch die entsprechenden Rahmenbedingungen, an denen wir ebenfalls gearbeitet haben: Als ich begonnen habe, bewegten sich viele Teams im Mittelfeld, kein Nachwuchsteam spielte um die Spitze mit. Mit klareren Abläufen, besserer Zusammenarbeit und mehr Verlässlichkeit haben wir inzwischen ein Niveau erreicht, auf dem alle Teams in der oberen Tabellenhälfte stehen und um Titel mitspielen können. Das ist wichtig für die Entwicklung unserer Spieler. Sie müssen zwar auch lernen zu verlieren – vor allem aber müssen sie lernen zu gewinnen.
Wo siehst du die grössten Fortschritte?
Vor allem im Umgang miteinander, in der Verlässlichkeit und in der Ausstrahlung. GC war früher eine Talentschmiede, das ging in den letzten Jahren etwas verloren. Heute spüren wir wieder mehr Stabilität und ein anderes Selbstverständnis.
Diese Entwicklung ist entscheidend, weil sie die Voraussetzung dafür schafft, dass wir als Ausbildungsstandort wieder attraktiv sind. Unser Anspruch ist es, dass Talente unbedingt zu GC kommen und hier bleiben wollen.
Ihr arbeitet von der U15 bis zur U21 mit einer gemeinsamen Spielidee. Wie sieht diese aus?
Unsere Spielidee ist klar vertikal. Wir spielen möglichst direkt aufs Tor, wollen nach Ballverlusten hoch pressen und schnell wieder in Abschlusspositionen kommen. Kurze Wege, hohes Tempo, hohe Intensität. Dafür vermitteln wir einen konstruktiven Fussball: Jeder Pass folgt einer Idee, nichts passiert zufällig. Den Rahmen dafür geben wir vor; auf dem Platz soll und muss jeder Spieler selbst in jeder Situation die aus seiner Sicht beste Entscheidung treffen.
Wie funktioniert das Zusammenspiel mit der 1. Mannschaft?
Der Austausch ist eng und unkompliziert. Trainings und Spiele werden regelmässig gemeinsam analysiert, oft auch spontan. Workshops, Video-Sitzungen oder Gespräche im Alltag gehören dazu.
Dass aktuell mehrere Spieler aus dem eigenen Nachwuchs im Profikader stehen, ist ein positives Zeichen. Der Trainer der 1. Mannschaft, Gerald Scheiblehner, schenkt jungen Spielern viel Vertrauen. Gleichzeitig sind erfahrene Spieler wichtig, die Orientierung geben und Verantwortung übernehmen. Die richtige Balance ist entscheidend.
Wo soll der GC Nachwuchs in zwei bis drei Jahren stehen?
Wir wollen mit unseren Nachwuchsmannschaften konstant um Titel spielen und perspektivisch Transfererlöse mit eigenen Spielern erzielen. Zudem ist es unser Anspruch, mit den besten Teams internationale Erfahrungen zu sammeln.
Besonders wichtig ist mir aber, dass wir mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs auch in der Super League in Zukunft um die vorderen Ränge spielen und uns möglichst für internationale Wettbewerbe qualifizieren.
Was muss sich dafür noch verbessern?
Es braucht unter anderem ein verlässliches Scouting. In der Talentselektion müssen wir sicher sein, dass Spieler sportlich und menschlich zu GC passen. Zudem müssen wir bereit sein, auch von ausserhalb der Region Zürich Schweizer Topspieler zu holen.
Und es braucht Geduld. Entwicklung im Nachwuchs verläuft nicht linear. Es wird Rückschläge geben, Phasen ohne sichtbare Erfolge. Es ist Ausdauer gefragt – nicht nur intern, sondern auch im Umfeld. Wer nachhaltige Nachwuchsarbeit will, muss bereit sein, diesen Weg über mehrere Jahre konsequent zu gehen.
Woran merkst du, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Das merke ich, wenn ich sehe, dass unsere Toptalente in Trainings und Spielen ihre Leistung abrufen – auch dann, wenn wir ein Spiel verlieren. Wenn sie mutig bleiben, unbeschwert ihre Fähigkeiten einsetzen und sich permanent weiterentwickeln. Das ist unser täglicher Antrieb. Und daran arbeiten wir mit Überzeugung.
Maurice Desiderato


