GC INSIDER: Du bist in der Winterpause als Cheftrainerin bei GC eingestiegen, viel Zeit zur Einarbeitung blieb nicht. Wie bist Du die Aufgabe angegangen?
Laura Vetterlein: Es ging tatsächlich alles sehr schnell. Deshalb habe ich die ersten Tage bewusst strukturiert: zuerst den Staff kennengelernt, dann den Mannschaftsrat, schliesslich das Team. Ein Trainerwechsel bringt immer Unsicherheit mit sich – das kenne ich aus meiner Zeit als Spielerin. Daher war es mir wichtig, die Spielerinnen abzuholen, Raum für Fragen zu geben und offen über die Situation zu sprechen.
Fussballerisch beginne ich nicht bei null, sondern baue auf einer guten Basis auf. Entscheidend war, die Menschen kennenzulernen und zu verstehen, was bereits funktioniert. Dabei haben mir meine Assistenten sehr geholfen. Insgesamt bin ich auf eine offene Kultur gestossen – das hat den Einstieg enorm erleichtert.
Zum ersten Mal trägst Du als Cheftrainerin die Gesamtverantwortung. Was konntest Du aus Deinen Stationen als Assistenztrainerin mitnehmen – und wo setzt Du Deine eigene Handschrift?
Ich habe gelernt, wie wichtig Nähe zu den Spielerinnen ist. Ich will meine Ideen nicht diktieren, sondern die Spielerinnen mitnehmen – und gleichzeitig klar die Richtung vorgeben. Das ist ein Balanceakt zwischen führen und zuhören. Mitgenommen habe ich auch die Detailorientierung. Ich hinterfrage viel, drehe gern jeden Stein um. Gleichzeitig weiss ich aus meiner Zeit als Assistentin, wie wichtig es ist zu delegieren, um mich selbst auf das Team fokussieren zu können.
Natürlich habe ich auch eigene Ideen. Aber ich habe nicht den Anspruch, das Traineramt neu zu erfinden. Besonders wichtig ist mir aber Authentizität – ich will bei meinen Überzeugungen bleiben und mich nicht von aussen treiben lassen.
Wofür soll eine Mannschaft stehen, wenn sie von Laura Vetterlein trainiert wird?
Für Intensität. Sobald wir auf dem Platz stehen, soll es brennen. Ich will, dass mein Team 90 Minuten intensiv spielt, mutig presst und aktiv ist. Die Grundlage dafür legen wir im Training. Nur wenn wir dort mit hoher Intensität arbeiten, können wir Technik und Abläufe auch unter Druck abrufen. «Train as you play» – das ist für mich zentral.
Du sprichst vom grossen Potenzial Deiner Mannschaft. Wo siehst Du die grössten Stärken?
Ganz allgemein verfügen wir in qualitativer Hinsicht über ein enorm breit aufgestelltes Team. Dies macht es mir einerseits jeweils schwierig, mich auf die Startelf festzulegen, andererseits können wir mit Einwechslungen nochmals Impulse geben und Spiele gewinnen.
Darüber hinaus macht uns die Mischung stark. Wir haben junge, wilde Spielerinnen und erfahrene mit internationaler Erfahrung. Wir verfügen Spielerinnen, die hohes Tempo mitbringen, andere eine super Technik oder eine starke Physis. Das macht uns sehr schwer ausrechenbar.
Welche sportlichen Ziele verfolgst Du in dieser Saison – persönlich und mit dem Club?
Ich habe das Team auf Platz 2 übernommen – das ist eine super Ausgangslage. Wir wollen nun diesen zweiten Rang festigen. Unser grosses Ziel ist aber der Meistertitel – und damit auch die Teilnahme an den Europäischen Wettbewerben. Die Titelambition soll kein Druck sein, sondern ein positiver Antrieb. Es soll Freude bereiten, ein Ziel zu haben und dafür arbeiten und kämpfen zu können.
Du betonst die Wichtigkeit von Spass im Training, gleichzeitig sprichst Du von klarer Wettbewerbskultur. Wie entsteht daraus echte Gewinnermentalität?
Gewinnen soll sich gut anfühlen – und Verlieren richtig schlecht. Auch im Training. Es muss ärgern, wenn man verliert, und motivieren, es am nächsten Tag besser zu machen.
Einige Spielerinnen bringen diesen Siegeswillen von Natur aus mit und haben schon in jungen Jahren das Mensch-ärgere-Dich-nicht-Brett vom Tisch gefegt, wenn sie nicht gewonnen haben. Bei anderen können wir dies noch fördern, wobei die Teamdynamik stark hilft. Wichtig ist, dass wir täglich in Konkurrenz stehen – aber den Spass dabei nicht vergessen.
Was unterscheidet eine gute Mannschaft von einer Titelmannschaft?
Eine Titelmannschaft will immer gewinnen. Entscheidend ist die Summe der kleinen Dinge: Fokus auf Details, konsequentes Umsetzen dessen, was wir erarbeiten, und Resilienz in schwierigen Phasen. Perfektion gibt es im Fussball nicht. Aber wer auch dann dranbleibt, wenn er mit Widerständen konfrontiert ist, macht am Ende den Unterschied.
Dein erstes Spiel als Cheftrainerin endete mit einem 2:1 gegen Basel, danach gab es ein 2:2 gegen Luzern. Bist Du zufrieden mit diesem Auftakt?
Wir hätten gern sechs Punkte aus den beiden Spielen geholt. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden. Die Vorbereitung war stark, das Team war offen für neue Impulse, und die Motivation im Alltag ist gross. In beiden Spielen haben wir mit schwierigen Phasen umgehen müssen und Lösungen gefunden. Natürlich gibt es Details, die wir verbessern wollen – aber ich schaue schnell nach vorne. So betrachtet soll das Luzern-Spiel ein «bump in the road» bleiben.
Ich komme jeden Tag enorm gerne auf den GC/Campus. Ich bin dankbar und gehe begeistert an meine Aufgaben ran. Ich hoffe, dass diese Energie auch auf die Mannschaft übergeht.
Maurice Desiderato




