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«Rugby vereint so vieles, was mir wichtig ist»

«Rugby vereint so vieles, was mir wichtig ist»

Simone Small spielt seit 15 Jahren Rugby beim Grasshopper Club Zürich. Nun tritt sie kürzer: Im letzten Winter hat sie ihren Rücktritt aus dem Nationalteam gegeben, im Sommer das Captain-Amt bei GC abgegeben. Der GC INSIDER hat mit ihr über ihre Beziehung zu Rugby, ihre Erfolge und ihre Zukunft gesprochen.

«Was mir das Rugby bedeutet? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten.» Simone Small ist studierte Politikwissenschafterin, 35 Jahre alt und spielt schon fast ihr halbes Leben lang Rugby. «Rugby ist für mich nicht einfach nur ein Sport und ein Ausgleich zum Arbeitsalltag. Das Spiel vereint so vieles in sich, was mir wichtig ist.» Zu nennen sei zuallererst das Offensichtliche: Rugby ist Kampf und Kraft, ein Ort, an dem man an die Grenzen geht, alles gibt, sich selber spürt. Aber, was Laien häufig übersehen: Rugby ist kein wilder, unkontrollierter Sport. Im Gegenteil: Das Spiel lebt von Taktik. Gleichzeitig sind Disziplin und gegenseitiger Respekt zentrale Elemente, auf die grosser Wert gelegt wird.

Gemeinschaft, Freundschaft und Familie

Gewinnen kann man beim Rugby, wie in jedem Teamsport, nur zusammen. «Das gemeinsame Erlebnis, der totale Einsatz und nicht zuletzt der Dreck schweissen zusammen.» Dabei machen die starken Bande nicht an den Clubgrenzen halt. Während man auf dem Feld bis zum Umfallen kämpft, alles gibt für den Sieg, ist die dritte Halbzeit nach dem Schlusspfiff genauso wichtig, wie der Match selbst. Es gehört ganz selbstverständlich dazu, dass die Heimmannschaft ein Barbecue offeriert und dass gemeinsam angestossen wird. «Rugby ist Gemeinschaft, Freundschaft und Familie. Da spielt es keine Rolle, ob jemand für GC, Basel, Luzern oder Genf spielt.»

Mehr noch: Mitte September hat Simone im Tessin bei schönstem Sonnenschein geheiratet. Finlay heisst der Glückliche. Selbstverständlich ist er Rugby-Spieler, ebenfalls beim Grasshopper Club Zürich.

Australien als Start, England als Highlight

Angefangen hat alles vor gut 15 Jahren während ihrem Austauschjahr in Australien. Hier kam sie zum ersten Mal mit Rugby in Kontakt. Losgelassen hat sie der Sport seither nicht mehr. Zurück in der Heimat startete sie ihre Karriere beim Grasshopper Club Zürich (damals: Rugby Club Zürich) und gehörte fortan – zuerst als «einfache» Spielerin, später als Captain – zum Frauenteam, das während zehn Jahren die Schweizer Liga dominierte und Meistertitel um Meistertitel feierte. Dank ihrer Leistungen wurde Simone schon sehr bald für das Schweizer Nationalteam nominiert, sowohl im Rugby Union (15er Rugby), wie auch im 7er Rugby. «Highlights in dieser Zeit waren mit GC sicherlich die verschiedenen Schweizer Meistertitel, von denen jeder einzelne speziell war», erinnert sich Simone. «Und mit der Nati haben wir uns einmal für das Top12-Turnier qualifiziert, an dem die besten Nationen Europas aufeinandertreffen. So standen wir eines schönen Tages tatsächlich dem englischen Team gegenüber, dessen Spiele wir sonst nur am Fernsehen verfolgen. Da trafen zwei Welten aufeinander, und der Klassenunterschied liess uns gnadenlos untergehen. Trotzdem war es ein unglaublich tolles und unvergessliches Erlebnis.»

Die nächste Generation übernimmt

Nun tritt Simone kürzer. Vor einem Jahr hat sie sich aus der Nationalmannschaft zurückgezogen, im Sommer auch das Captain-Amt bei GC abgegeben. «Ich war immer sehr stolz, die Schweiz vertreten zu dürfen. Als ich gemerkt habe, dass ich nicht ewig Bestleistungen erbringen werden kann, habe ich begonnen, mich mit dem Rücktritt auseinanderzusetzen. Mein Motto war schon immer ‹ganz oder gar nicht›», sagt Simone, die damit jüngeren Spielerinnen Platz gemacht hat. «Die stete Erneuerung eines Teams ist schliesslich ein ganz natürlicher und auch wichtiger Prozess. Und ich persönlich hatte immer das Ziel, eines Tages aus eigenen Stücken zurückzutreten, statt aufgrund einer Verletzung oder weil ich nicht mehr aufgeboten werde. Das habe ich geschafft.»

Bei GC hatte Simone das Captain-Amt während 10 Jahren inne – mit allen Hochs und Tiefs, wie sie hinzufügt. Die Weitergabe des Amts hat sie bereits vor zwei Jahren in die Wege geleitet, indem sie den Aufbau eines Leadership-Teams initiiert hat. «Dies hat es uns erlaubt, die zahlreichen Aufgaben auf verschiedene Schultern zu verteilen. So ging die Führungsverantwortung kontinuierlich und sehr natürlich auf jüngere Spielerinnen über. Der grosse Bruch wurde verhindert.»

Die Aufgaben gehen nicht aus

Als Spielerin bleibt Simone GC weiterhin erhalten. Und sie hat längst nicht genug: «Es wäre natürlich genial, wenn wir, nach über zehn Jahren, endlich wieder einmal den Schweizermeister-Titel gewinnen würden.» Dafür will sie auch weiterhin einen wichtigen Part im Team übernehmen. Führen sollen andere, aber mit ihrer grossen Erfahrung wird sie weiterhin eine wichtige Stimme und Ansprechperson für junge Spielerinnen bleiben.

Doch auch neben dem Feld bleibt sie aktiv, setzt sich für Sport und die nächste Generation ein. Einerseits engagiert sie sich im nationalen Verband «Suisse Rugby» als Präsidentin der Development Kommission. In dieser Funktion trägt sie mit Ideen und Konzepten dazu bei, mehr Kinder und Jugendliche für den Sport zu gewinnen sowie junge Spielerinnen und Spieler in den Vereinen zu halten und an den Sport zu binden.

Andererseits ist sie beruflich als Leiterin des Sportbereichs einer gemeinnützigen Stiftung tätig. In diesem Rahmen unterstützt sie Bewegungs- und Sportangebote für Kinder und Jugendliche, für Seniorinnen und Senioren sowie für Menschen, die einen erschwerten Zugang zu sportlichen Angeboten haben, sei dies aufgrund gesellschaftlicher oder finanzieller Benachteiligungen oder auch aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen. Zusätzlich fördert die Stiftung talentierte Jugendliche, um ihnen den Sprung in den Leistungssport zu ermöglichen.

Wir sehen: Trotz ihrem Kürzertreten gehen Simone die Aufgaben nicht aus. Der Sport und das Rugby brauchen Simone. Und Simone braucht das Rugby. Nach einem langen Gespräch hat sich der Eindruck verstärkt, dass sich der Sport bei Simone durchs ganze Leben zieht. Hobby, Beruf, Freunde, erweiterte Familie, Lebenspartner. Was ihr das Rugby bedeutet? Offensichtlich nicht weniger als die Welt.

Maurice Desiderato

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