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GC Gesamtclub | 24.02.2017

GELESEN | GC IST MEHR ALS FUSSBALL

Mit dem Umzug in den Campus nach Niederhasli sind die Grasshoppers ein Landklub geworden. Was wäre, wenn der Klub den frustrierenden Kampf um den Standort Zürich einfach aufgäbe?, fragt Richard Reich in der NZZ am Sonntag vom 19. Februar. Hier der gesamte Wortlaut.

Er müsse noch nach Schaffhausen telefonieren, verkündet Richi Bauer nach dem Training im Unterleibchen, «vielleicht verkaufen sie schon Billette fürs erste Doppelspiel!» Grosses Gewieher in Kabine unter uns GC Senioren «50+». Denn worauf unser Kamerad Bauer, der Alt-Profi aus grossen Zeiten (Meister 1978, Europacup-Halbfinal), anspielt, ist: Der Rekordmeister GC werde seine Heimspiele womöglich bald irgendwo sonst in der Schweiz bestreiten, nachdem man in Zürich offensichtlich keinen Fuss mehr auf den Boden bekommt. Und keinen Ball ins Tor.

Schaffhausen? Warum eigentlich nicht. Ende Januar haben die Klubführungen von GC und dem FC Schaffhausen eine enge Zusammenarbeit mit Spielertausch usw. beschlossen nächsten Samstag wird feierlich das fabrikneue Schaffhauser Stadion eröffnet, in das doppelt so viele Zuschauer (8200) passen, wie wir sie normalerweise im Letzigrund zusammenbekommen. Vom HB bis nach Schaffhausen-Herblingen sind es mit den ÖV nur 52 Minuten – was genau hält uns eigentlich im unwirtlichen Zürich, wo der Grasshopper Club heute vielen Leuten bestenfalls egal ist? Wo das neue Stadion statt beim Hardturm in den Sternen steht? Und der zumindest zahlenmässig übermächtige Stadtrivale zum Halali auf unsere letzten Anhänger bläst?

Schön übersichtliche Welt

Die Vorstellung, dass GC eines Tages Grasshopper Club Schaffhausen» heissen könnte, mag auf den ersten Blick wie ein Witz wirken. Wem immer man von der Idee erzählt, die Reaktion ist stets die gleiche: belustigtes Auflachen, Kopfschütteln. Das grosse GC irgendwo draussen in der Provinz – unvorstellbar! Dabei ist genau das ja längst Realität.

Als ich Ende der 1960er Jahre GC Junior wurde, war die Welt schön übersichtlich: Wie ich kamen praktisch alle, die im Hardturm anzutreffen waren, von der rechten See- oder Flussseite. Wer im Verein etwas zu sagen hatte, war tendenziell bürgerlich und fast ausnahmslos reformiert. Überhaupt glich das GC Selbstverständnis demjenigen des im Klub omnipräsenten Wirtschaftsfreisinns: elitär, staatstragend. Insofern ist es kein Zufall, dass der Niedergang der GC Fussballsektion ungefähr zur selben Zeit begann wie die Umwälzungen in der politischen Landschaft. GC ist ein Globalisierungsverlierer», hat ein alter GC Kumpel das Problem umschrieben. Wie kein anderer leide unser Verein darunter, dass in den grossen Zürcher und Schweizer Firmen praktisch keine Zürcher oder schweizerischen Patrons mehr sässen mit Solo-Verfügungsgewalt über früher fast unbeschränkte Budgets.

Die Folgen sind bekannt: kein eigenes Stadion, massiver Prestigeverlust, permanente Balanceakte am Rande des finanziellen Kollapses und damit die latente Gefahr, eines nicht allzu fernen Tages einen ähnlichen Absturz zu erleben wie die bürgerlichen Traditionsvereine Servette und Xamax.

So mutet es ironisch an, wenn die allerletzte finanzielle Grosstat der alten Garde zürcherischer GC Patrone (Fritz Gerber, Rainer E. Gut, Uli Albers) dazu geführt hat, dass man die GC Fussballsektion heute ehrlicherweise GCN nennen müsste: Grasshopper Club Niederhasli». Was seinerzeit als Coup von weltstädtischem Format gedacht war, nach dem Vorbild etwa vieler Londoner Top-Klubs, deren Trainingszentren ebenfalls ausserhalb der Metropole liegen, hat nach dem Verschwinden des Hardturms als Homebase dazu geführt, dass GC mit jedem Tag mehr zum Landklub wird. Nicht nur wir GC Senioren, sondern sämtliche GC Mannschaften mit Ausnahme des Fanionteams treffen sich für Heimspiele und Trainings in Niederhasli, es sei denn, sie müssen wie die GC Juniorinnen aus Platzgründen nach Oberglatt ausweichen. Und nicht nur bei uns Senioren, sondern quer durch die Altersstufen hat das zur Folge, dass es im GC Fussball immer weniger Stadtzürcher gibt, stattdessen laufend mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die in der Region Dielsdorf/Flughafen wohnen oder in andern nördlichen Zürcher Bezirken, wenn nicht gleich im Schaffhausischen, womit wir wieder bei Richard Bauers Gedankenspiel angelangt wären. Was, wenn aus GC Fussball ein Grasshopper Club Schaffhausen würde? Was wäre, wenn GC den frustrierenden Kampf um den Standort Zürich freiwillig ganz aufgäbe und die permanent verpuffende Energie verwenden würde, um sich neu zu erfinden? Ob nun in Schaffhausen oder halt allenfalls in Winterthur, Uster oder Zug? Der Grasshopper Club ist und war schon immer grösser als Zürich. Wenn sich am Samstag der GC Zentralvorstand um Präsident Andres Iten zur jährlichen Retraite getroffen hat, so repräsentierte das Gremium elf Sportarten, zwölf Sektionen, rund 5000 Mitglieder aus der ganzen Schweiz und darüber hinaus. Ein Potenzial, mit dem, wie Andres Iten oder auch der oberste «Fussballer» Stephan Anliker ohne weiteres zugeben, bisher zu wenig angefangen wurde; zum Beispiel erhält ein Mitglied der Tennis-, Ruder- oder Curlingsektion kurioserweise nicht den mindesten Rabatt, wenn es ein Heimspiel anschauen möchte.

Ein kühner Akt

Auch darüber hinaus könnte es für Anliker & Co. von Interesse sein, auf der Suche nach der Zukunft einen Blick in die Vereinsgeschichte zu werfen. Man kann dort sehen, dass Fusionen wie bei GC Eishockey oder GC Handball zu einer schleichenden Selbstauflösung führen, zu einer fahrlässigen Aufgabe des USP, des international immer noch geachteten Brands Grasshopper Club». Er beschert dem Verein nach wie vor, wie die Präsidenten von GC Landhockey (Retus Gieret) und GC Rugby (Josh Bjornson) erzählen, einen kontinuierlichen Zufluss neuer Spieler und Mitglieder aus dem Reservoir von Expats, die aus beruflichen Gründen in den Grossraum Zürich ziehen. Oder man kann anhand der jungen Story von GC Unihockey um den Präsidenten Dario Pasquariello sehen, wie ein kühner Akt, in diesem Fall eine Neugründung aus den Beständen dreier mehr oder minder dem Untergang geweihter Konkurrenten, eine ansteckend fröhliche Erfolgsgeschichte werden kann.

Was die Fussballer betrifft, so muss sich die Kühnheit nicht unbedingt in einem Umzug nach Schaffhausen manifestieren. GC gehört zu Zürich. Das ist einfach so», sagen Anliker und die meisten Exponenten. Das ist aber noch kein Plan. Genauso wenig wie das seit Jahren repetierte Credo, dass die Zukunft darin liege, in Niederhasli unter Hochdruck neue Talente auszubilden, die dann in Zürich auf der grossen Bühne des zukünftigen Stadions Furore machen und so das Geld reinbringen, das GC braucht, um zu überleben.

Nach den Gesetzen des Fussballgeschäfts mag das seine Logik haben. Aber als Zukunftsvision ist es einfach nur deprimierend.

Richard Reich ist Autor und Mitglied der GC Fussballsektion.

GC-Sektionen

1. Am 1. September 1886 gründet in Zürich ein englischer Student den Fussballklub.

2. 1904 rufen einige GC Fussballer die Ruder-Sektion ins Leben.

3. Tennis wird 1915 als dritte Sektion aufgenommen.

4. 1923 wird die Damenabteilung im Landhockey gegründet, ein Jahr später kommen die Männer dazu.

5. 1931 gründet Karl Schmid die Handball-Sektion des GC. 2010 fusioniert GC mit Amicitia Zürich.

6. 1934 ergänzt Eishockey den Verein, 1997 fusioniert die Sektion mit dem ZSC.

7. Seit 1962 ist Curling bei GC integriert.

8. Seit 1979 existiert die Squash-Abteilung.

9. 2002 kommt Unihockey zu GC

10. 2008 tritt der Rugby Club Zurich GC bei.

11. 2010 fusioniert der Basketball Club Zürich mit GC

12. 2011 wurde GC Beachsoccer gegründet.

Es ist kein Zufall, dass der Niedergang der GC Fussballsektion zur selben Zeit begann wie die Umwälzungen in der politischen Landschaft. (rr)