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26.05.2018

FUSSBALL | EINE SAISON ZUM VERGESSEN

Die Saison 2017/18 des Fanionteams geht als eine der schlechtesten in die Geschichte des Grasshopper Club Zürich ein. Sie endete auf dem 9. Rang, nur drei Punkte vor dem Abstiegsplatz. Gründe für das schlechte Abschneiden gab es viele, nicht zuletzt auch die Trainerwechsel. Und die von aussen in den Verein getragene Unruhe rüttelte zeitweise an den Grundfesten.  GC INSIDER blickt auf die Spielzeit mit einem der Leistungsträger, Goalie Heinz Lindner zurück.

Lindners beste Paraden im GC Tor.

Gaolie Heinz Lindner kam nach einem zweijährigen Engagement beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt, wo er über die Nummer 2 nicht hinauskam, zum Grasshopper Club. In der österreichischen Nationalmannschaft aber hütete er das Tor. Linder kam, nicht zuletzt auch auf Empfehlung von GC Urgestein und dem damaligen Teamchef der Österreicher, Marcel Koller - mit grossen Erwartungen. Er wollte mit seinen neuen Teamkollegen die Liga rocken. Schliesslich war das Erreichen eines europäischen Wettbewerb als Saisonziel ausgerufen worden. Seit längerem war klar, dass es dazu nicht kommen würde. Schon vor der Weihnachtspause ging‘s, nach einem kurzen Hoch nach der Verpflichtung von Trainer Murat Yakin, bergab. An Heinz Lindner lag’s sicher nicht, auch wenn er nach der Winterpause von Trainer Yakin, wie man festzustellen geneigt ist, grundlos zur Disposition gestellt worden war, schliesslich aber doch der Stammtorhüter blieb. Yakin hatte seinen Goalie in den Medien kritisiert, in einer Form, die Lindner nicht nachvollziehen kann. Aber der Österreicher blieb cool, hat weiterhin hart gearbeitet und seine Leistung jeweils abgerufen. Der smarte, ausserhalb des Spielfeldes immer adrett gekleidete, auf moderne Fussballer-Attribute wie Tattoos, Frisur mit mehr Rasur als Haaren usw. verzichtende Heinz Lindner blieb ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Er gab seine Erfahrung in der Kabine an die jungen Spieler weiter, unterstützte sie, wo er nur konnte. 

Am Ende der Saison ist er einfach nur glücklich, dass Ende April für die letzten Meisterschaftsrunden mit Thorsten Fink ein erfahrener Trainer verpflichtet worden ist, der zusammen mit seinem neuen Assistenten Sebastian Hahn und dem bewährten Staff das Team für die neue Saison wieder in die Spur bringen wird, wie er überzeugt ist. Und er ist glücklich, dass der Ligaerhalt geschafft werden konnte, auch wenn das ein absolutes Minimalziel war und weit unter den Ansprüchen des Grasshopper Club Zürich liegt. Heinz Lindner war und ist immer ein willkommener Gesprächspartner. Er stand den Medien immer zur Verfügung, vor allem auch nach den Spielen, wenn Klärungsbedarf für bescheidene Auftritte bestand. Auch heute blickt er für den GC INSIDER nochmals auf die unglückliche, auf dem zweitletzten Rang beendete Saison 2017/18 zurück.

GC INSIDER: Sie sind mit grossen Hoffnungen zum GC gekommen, die nicht erfüllt wurden. Die Gründe?

Heinz Lindner: „Es war nicht leicht, mit einer doch weitgehend neu zusammengestellten Mannschaft rasch in Tritt zu kommen. Die dafür nötige Zeit wird heutzutage selten gewährt...“

...deshalb kam es auch bald zu einem Trainerwechsel...

„Ja, mit Murat Yakin kamen wir in die Spur, lagen zeitweise gar auf dem dritten Platz. Aber in der Folge liessen wir die nötige Kontinuität vermissen und haben über weite Strecken nicht die nötige Leistung abgeliefert.“

Die vielen Spieler-Wechsel während der Saison haben schliesslich auch nicht für Kontinuität gesorgt...

„Das war für die Kontinuität sicher nicht förderlich, denn wir mussten uns als Team erst wieder finden.“

Zu den bescheidenen Leistungen auf dem Spielfeld kamen dann auch noch die Störfeuer aus dem Umfeld, die den Club in seinen Grundfesten durchgeschüttelt haben.

„Das war nach der Winterpause. Nicht nur unser Fussball, sondern auch der Verein kam ins Straucheln, was sicher für alle Beteiligten keine leichte Zeit war. Wir Spieler haben dies natürlich mitbekommen, nicht nur aus den Medien, sondern die Verantwortlichen haben uns über die Situation informiert. Dass diese Wirren uns nicht beeinflusst hätten, kann nicht behauptet werden. Trotzdem sollten wir als Profis solche Dinge ausblenden und uns auf unsere Leistung fokussieren können. Strukturelle Dinge können wir nicht beeinflussen, aber unsere Leistung auf dem Spielfeld während der 90 Minuten. Der Wille dazu war sicher bei jedem Spieler vorhanden, allein die Umsetzung gelang nicht immer.“

Haben Sie schon ähnliche Situationen in anderen Clubs erlebt?

„In dieser Dimension nicht. Ich spielte jahrelang bei Austria Wien, auch einem Traditionsclub, der hohe Ansprüche hat, die nicht immer erfüllt wurden. Ich lernte damals schon, mit Schwierigkeiten umzugehen. Hier aber hatten wir doch für mich bisher unbekannte Unruhen zu meistern, die die Verantwortlichen schliesslich aber gut gehandelt haben, sie haben den Verein wieder stabilisiert, was mich für die nahe Zukunft  hoffnungsvoll stimmt.“

Viele sogenannt „enge“ Spiele sind auch oft auf die „falsche“ Seite gekippt...

„Es ist so, wenn man unten drin steht, das Selbstvertrauen auf ein Minimum gesunken ist, entscheiden oft kleinste Details. Aber diese harte Zeit war auch ein Lernprozess für die doch sehr junge Mannschaft. Es muss aber auch gesagt werden, dass die Jungen einen guten Job gemacht haben. Es war für sie nicht leicht, unter diesem Druck zu bestehen. Für die Zukunft gilt es ganz einfach, die Erfahrungen zu speichern und in der kommenden Saison nicht wieder die gleichen Fehler zu machen.“

Wie würden Sie Ihre Rolle im Team beschreiben, ausser, dass Sie ganz einfach die Bälle halten müssen?

„Ich gehöre mit meinen knapp 28 Jahren ja zu den Erfahreneren in unserer sehr jungen Mannschaft. Zuletzt hat die Mischung zwischen arrivierten und jungen Spielern weitgehend gestimmt. Das muss auch in Zukunft so sein. Wir Älteren müssen unsere Erfahrung einbringen, mit den jungen Spielern reden, sie unterstützen wenn nötig und für das Gleichgewicht zwischen Ernsthaftigkeit und Spass sorgen. Das versuche ich auch in der neuen Saison.“

Was hat sich mit dem Stellenantritt von Thorsten Fink geändert?

„Wir haben gesehen, dass es von Vorteil ist, wenn das Team über mehrere Spiele mehr oder weniger gleich besetzt ist und damit das Vertrauen geschenkt bekommt. Das hat unser Selbstvertrauen gestärkt, was in den letzten Spielen ein wichtiger Faktor war. Dieser Weg muss weiter beschritten werden.“

Aber die Mannschaft wird im Hinblick auf die neue Saison wieder personelle Veränderungen erfahren.

„Damit muss man klarkommen. Das Fussballgeschäft ist schnelllebiger geworden, damit müssen sich auch die anderen Clubs auseinandersetzen. Aber unser Staff hat das Knowhow und die Erfahrung, während der Saisonvorbereitung eine schlagkräftige Mannschaft zu formen, ihr den nötigen Teamspirit einzuhauchen. Davon bin ich überzeugt. Wir als Team müssen dann ganz einfach von Anfang an fokussiert sein und uns in der Tabelle nach vorne orientieren, so wie es sich für den Grasshopper Club gehört. Etwas anderes darf es nicht mehr geben.“ 

Und jetzt geniessen Sie die fussballlose Zeit?

„Sicher wird es gut tun, den Kopf zu lüften. Aber Mitte Juni starten wir schon wieder mit der Saisonvorbereitung. Und dann stehen für mich ja auch noch drei Highlights mit der österreichischen Nationalmannschaft an. Wir spielen vor der WM gegen Russland, Deutschland und Brasilien. Auf diese Erlebnisse freue ich mich.“

Dann wünschen wir Ihnen gute Erholung und viel Spass.

„Danke, den Spass werde ich haben.“

Text/Interview: Eugen Desiderato