Menu
GC Handball | 27.05.2016

Handball: Führungswechsel - das grosse Interview

GC INSIDER: Beat Anliker, am 1. Juni übernehmen Sie das Präsidium der NLA-Handball-Mannschaft GC Amicita. Avanciert der GC sukzessive zum AC, zum “Anliker-Club", nachdem auch schon die Neue Grasshopper Fussball AG von Ihrem Namensvetter Stefan geführt wird?

Beat Anliker: Wir heissen zwar beide Anliker, kommen beide aus dem Kanton Bern, sind aber weder verwandt oder verschwägert, jedenfalls weiss ich nichts davon. Wie ich sehe, läuft es bei der Super League Mannschaft wieder gut. Der Präsident hat Stabilität und Ruhe hergestellt. Dass er dies, unabhängig vom Namen geschafft hat, zeigt, dass er einen guten Job macht. Denn im Sport ist Ruhe eine sehr wichtige Komponente. Das Gegenteil lenkt ab, macht sowohl Spieler wie Funktionäre unsicher. Und schlechte Resultate wirken sich negativ auf die finanzielle Situation aus. Ich wundere mich immer wieder, dass in kritischen Situationen nicht zu allererst versucht wird, Ruhe in den Laden zu bringen, denn dann würden sich die anderen Probleme meist von selbst lösen oder erst gar nicht aufkommen. 

Sie waren schon in früheren Jahren für den GC Handball tätig...

Richtig. 1997 sprang ich als Notnageltrainer ein. GC Urgestein Wädi Müller war Trainer, das Team in der Abstiegsrunde, die Relegation drohte, da kam die Idee auf, mich als Trainer zu verpflichten und der routinierte Wädi Müller ging wieder aufs Spielfeld zurück, als Abwehrchef und Leader für die vielen jungen Spieler. Diese Rochade zeitigte Erfolg, wir schafften den Ligaerhalt. Dann ging ich wieder zurück zum Schweizerischen Handballverband als Junioren-Nati-Trainer. Als mich später der damalige GC Handball-Präsident Fritz Maurhofer als Marketingverantwortlichen rief, kam ich zurück, konnte das grosse Beziehungsnetz beim GC aktivieren und drei Jahre erfolgreich arbeiten, bevor mit Präsident Noldi Schuler ein Stilwechsel vollzogen wurde und ich mich wieder auf meine eigenen Firmen konzentrierte, die ich vorher eher im „Remote Modus“ geführt hatte. Und dann fusionierten GC und Amicitia. Eine gute Sache.

Und jetzt wartet wieder eine wichtige Aufgabe bei GC Amicitia auf Sie.

Zweifellos. Im April, nach der ersten Kontaktaufnahme von GC Amicita, allen voran von Sektions-Präsident Charles-Marc „Schäme“ Weber, habe ich mir ein Bild vom Zustand des NLA-Bereichs gemacht. Das Fazit: Es herrschte Unsicherheit bei Spielern und Staff, zum Teil Ratlosigkeit. Grund dafür war u.a. die teilweise Führungslosigkeit. Nachdem die Finalrunde nicht geschafft worden war, fehlte in der Abstiegsrunde oft die Motivation. Positiv war dann, dass sich das Team in den letzten Spielen aufgefangen hatte. Ich habe viele Gespräche geführt und erhielt die Bestätigung, dass es einen Neuanfang braucht.

Haben Sie sich mit Ihrem Vorgänger ausgetauscht und weitere Insider-Informationen zu erhalten, die Ihren Eindruck komplettierten?

Nein, ich schaue nicht zurück. Wichtig ist einfach, dass ich finanziell bei null anfangen kann, also keine Altlasten übernehmen muss. Das war meine Bedingung, was bedeutet, dass mein Vorgänger Carlo Häfeli noch reinen Tisch machen muss. Im Gegenzug bin ich bereit, für die Zukunft die Verantwortung zu übernehmen. Und dann starten wir am 1. Juni nach meiner Philosophie. Ich verfolge eine Vorwärtsstrategie, die ein neues Team auf dem Platz und in der Führung erfordert. Der neue Vorstand wird meine Ideen mittragen.

Dann reden wir doch zuerst über den neuen Vorstand.

Nach meinen Vorstellungen muss der Vorstand ein Kompetenzzentrum sein. Der Präsident muss von verschiedenen Fachkräften unterstützt werden. Erfreulicherweise bleibt Reto Morell dabei. Adrian Howald, schon unter Maurhofer beim GC engagiert, wird das juristische Know-how einbringen. Und Prof. Dr. Ivan Köhle, Studiengangleiter an der Hochschule für Wirtschaft (Windisch) ist dank seiner Erfahrung im Bildungsbereich prädestiniert, das geplante, umfassende Projekt einer Akademie voranzutreiben, die ab 14-jährigen Breiten- und Spitzensportlern eine Ausbildung bieten soll, die bis zum Bachelor Abschluss führen wird.  Den Bereich Marketing Koordination, Livestream etc. wird der ehemalige GC Spieler Simon Mächler übernehmen. Die Verbindung des NLA-Bereichs zur Sektion Handball wird Stefan Laszlo gewährleisten, eventuell wird auch Sektions-Präsident Schäme Weber im Vorstand Einsitz nehmen, denn beide Sparten sind nicht voneinander zu trennen, sie müssen gegenseitig profitieren, vor allem auch im Bereich Nachwuchsausbildung. Denn eine schlagkräftige NLA-Herrenmannschaft ist nur finanzierbar, wenn genügend eigene Talente eingebaut werden können. Ich denke auch, dass dem grössten Schweizer Handballclub nicht nur gut ansteht, eine erfolgreiche Frauenabteilung zu führen, sondern ich erachte es als seine Pflicht. Ferner erfordert die angestrebte Kultur der Leistungsorientierung die Nähe der NLA-Abteilung zur Sektion.

Können wir noch in groben Zügen erfahren, wie sich das Kader zusammensetzen wird?

Ich kann sagen, dass wir einige extrem mutige Entscheide gefällt haben. Wir bekennen uns zu jungen Nachwuchskräften, zum Beispiel Florian Leitner, der als 19-Jähriger zu GC Amicitia kam, also nehmen wir auch unsere Förderverantwortung wahr. Am rechten Flügel wird Thomas Kohler (18) spielen, der sich in den beiden letzten Saisonspielen schon gut eingefügt hat. Ferner wird Simon Schild seinen Weg machen. Zu Gunsten dieser jungen Akteure verzichten wir auf „gestandene“ Spieler wie von Ballmoos, Jelinic usw. Die Mannschaft wird drei Ausländer und acht oder neun Schweizer, davon sechs eigene Nachwuchskräfte umfassen. Und sie wird geführt von Markus Berchten, mit Trainererfahrung in der Schweiz und in Deutschland, zuletzt für den Ausbau der Nachwuchsabteilung der Füchse Berlin verantwortlich. Er löst Robbie Kostandinovich als Chefcoach ab. Kostandinovich wird uns in gegenseitigem Einvernehmen weiterhin in anderen Funktionen, insbesondere im Nachwuchsbereich zur Verfügung stehen. 

Was kann man von der neuen GC Amicitia Handballmannschaft erwarten?

Der Fan wird sehen, dass das Team sympathisch auftreten, eine gute Einstellung zum Verein und zum Handballsport haben und auf dem Feld durch hundertprozentiges Engagement überzeugen wird. Sie wird guten Handballsport zeigen und beweisen, dass junge Spieler mehr leisten können, als ihnen oft zugetraut wird. Die Spieler werden als Team auftreten und sich der Verantwortung gegenüber Zuschauer, Mitglieder, Fans, Sponsoren usw. bewusst sein. Und das Team wird besser abscheiden als jenes der vergangenen Saison. Aber die Fans müssen auch wissen, dass es eine gewisse Anlaufzeit braucht, bis die mehrheitlich jungen Akteure ihr Potenzial ausschöpfen können.

Das tönt ja alles sehr vielversprechend, ist das auch als Kampfansage an Kadetten Schaffhausen zu werten?

Man muss aber wissen, dass ein Präsidentenwechsel nicht automatisch zu einem Spitzenklub führen wird, vor allem, weil wir auf einen seriösen Aufbau mit vornehmlich eigenen Kräften setzen. Diese Förderung braucht Nerven. Wir werden auf alle Fälle den vielfach begangenen Fehler nicht machen, und zum Beispiel nach zwei verlorenen Spielen Notkäufe tätigen. Dies würde nicht nur die Finanzen ruinieren, sondern auch die Nachwuchsförderung. Es war nicht meine Motivation, dieses Amt zu übernehmen um ein teures Hobby zu haben. Ich gehöre nicht zur Generation Mäzen, sondern zur Generation Unternehmer. Ich will mit meinem Netzwerk etwas bewegen und Strukturen bilden, die Kontinuität bringen - und nicht zwingend eigenes Geld einschiessen.  

Sie bezeichnen sich selbst als „klassischen Unternehmer“.

Ja, ich habe als 18-Jähriger nach dem Lehrabschluss meine erste Firma gegründet. Das Zielpublikum war die Jugend. Ich organisierte Konzerte, für verschiedene Firmen sogenannte Jugend-Olympiaden etc. Die gemachten Erfahrungen brachte ich dann in ein Entertainment Unternehmen ein, das inzwischen weltweit tätig ist, im Bereich Multimedia Shows, LED Wände, Musikstudios, auch eine Künstleragentur ist integriert. Ich habe sehr gute Mitarbeiter, die sehr dezentral arbeiten, immer dort wo ein Projekt läuft. 

Und in Untersiggental gedeiht ein weiteres „Kind“ von Ihnen…

Vor acht Jahren eröffneten wir hier eine Freizeitanlage GoEasy mit Disco, Go-Kart, Bowling. Nach drei Betriebsjahren mussten wir uns eingestehen, dass die Go-Kart Anlage wegen der nahen süddeutschen Konkurrenz nicht wirtschaftlich zu betreiben ist. Nach eingehender Evaluierung kamen wir zum Schluss, sie zu einer Sporthalle umzubauen. Diese ist seit Januar in Betrieb, der TV Endingen trägt hier seine Heimspiele aus. Ferner werden J+S Kurse durchgeführt, Plus Sport, der Behindertensportverband ist zu Gast bei uns, der Schweizerische Handballverband führt Stützpunkttrainings und zuletzt auch einen Frauen-Länderspiel durch. Unihockey und Footsal werden bei uns gespielt. Wir führen ein Hotel und werden ab diesen Herbst eine Physiotherapie, ein Fitnesscenter und eine Leistungsdiagnostik angliedern und so ein attraktiver Standort für Trainingslager sein werden. Und in Wiener Neustadt gedeiht ein weiterer Spross, u.a. mit einem Stadion, einer multifunktionalen Halle und einem Hotel. 

Bei all dieser Verantwortung, Hand aufs Herz, haben Sie genügend Zeit für das Präsidentenamt eines NLA-Bereichs von GC Amicitia?

Ich werde mich sicher so gut organisieren, dass ich meinen Aufgaben nachkommen kann. Ich werde ja auch direkt den Sponsoringbereich übernehmen. Ich bin in der Lage, gewisse Ideen zu entwickeln, angepasst an den Verein, an die Sportart und werde passende Partner finden. Mit der Akademie und der verstärkten Nachwuchsförderung bieten wir doch gerade auch für grössere Unternehmungen interessante Plattformen. Ich werde auch versuchen das Netzwerk des gut organisierten Businessclubs und der Gönner zu aktivieren, in der Überzeugung, dass die im sportlichen Bereich vollzogene Fusion auch noch auf Gönnerebene nachgeholt werden sollte. Und ganz wichtig, ich werde alle Spiele live verfolgen, mehrheitlich in der Halle. Sollte ich mal beruflich auswärts sein, werde ich mich über den Live-Stream orientieren. Ich werde ein präsenter, informierter Präsident sein. Ich bin berechenbar und nahbar. Die Spieler werden wissen was gilt und was nicht und sie werden wissen, wie der Präsident in gewissen Situationen reagiert – und zwar immer gleich, beim Profi wie beim Junior. 

Interview: Eugen Desiderato