Menu
GC Handball | 24.05.2017

HANDBALL | "WIR HABEN VIELES RICHTIG GEMACHT."

Das GC Amicitia Damen-Team SPL2 hat frühzeitig den Wiederaufstieg in die höchste Damen-Liga geschafft. GC INSIDER hat sich mit dem Baumeister dieses Erfolgs, Sportchef und Trainer Toni Kern unterhalten. 

GC INSIDER: Toni Kern, ein Zitat von Ihnen lautet, „wenn wir nicht hart arbeiten, kommen wir nicht weiter. Entweder man macht etwas richtig, oder aber man lässt’s bleiben und nützt die Zeit für Sinnvolleres.“ Die GC Amicitia-Damen der SPL2 haben in dieser Saison also alles richtig gemacht?

Toni Kern: Der Aufstieg war unser wichtigstes Ziel. Daneben wollten wir die beste Defensive der Liga stellen und auch hier waren wir erfolgreich. Wir haben damit primären die Ziele erreicht und auf jeden Fall vieles richtig gemacht. Aber nach der Saison ist vor der Saison. Und nach dem Aufstieg kommt der Kampf um den Verbleib in der Liga. Und so gilt es im nächsten Jahr eine ähnliche Steigerung hinzulegen, um in der höchsten Liga bestehen zu können. 

Haben Sie und Ihr Team diesen Erfolg gebührend gefeiert?

Der Aufstieg stand ja schon drei Spiele vor dem Saisonende fest. Richtig krachen liessen wir es aber erst nach dem letzten Saison-Heimspiel - zuerst im kleinen Rahmen mit Freunden und Sponsoren und später dann nur das Team im „Usgang“.

Wie würden Sie einen Saisonrückblick des Damen-Teams titeln?

Wir sind wieder da, wo wir hingehören.  Das klingt jetzt ein wenig frech, aber wir sind eben Zürcher. Aber Spass bei Seite, das Team hat in der vergangenen Saison überzeugt und in allen Belangen bewiesen, dass es in die höchste Spielklasse gehört.

Worin liegt für Sie der Schlüssel für den Saisonerfolg?

Im Team selber. Es ist ein tolle Truppe. Die Spielerinnen schaffen es immer wieder, für einander einzustehen. Sie sind nicht nur in der Halle, sondern auch ausserhalb eng miteinander befreundet. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist die Entwicklung der „jungen Wilden“ im Team. Nach dem unglücklichen Abstieg in der vorangegangenen Saison und dem Abgang dreier Routiniers, übernahmen die Jungen mehr Verantwortung und sind daran gewachsen. Das war und ist ein wertvoller Zugewinn für das Team.  

Seit nunmehr fünf Jahren gehören Sie der Frauen-Abteilung von GC Amicitia an. Zunächst als Trainer der Juniorinnen, dann der zweiten Mannschaft und nun im zweiten Jahr als Verantwortlicher des neuen Aufsteigers. Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden. Etwas anderes darf ich ja jetzt auch nicht sagen. Ich trainiere viele von ihnen bereits seit sieben Jahren. Aus den Mädchen wurden Frauen und Leistungssportlerinnen, die für ihr zukünftiges Sport- und Berufsleben viel mitnehmen werden. So manche wurde vom Underdog zur Führungsspielerin... 

Diese Entwicklung begleiten zu dürfen, ist für mich mehr als nur zufriedenstellend. Es zeigt zudem auch, dass sich eine gut angelegte langfristige Jugendarbeit schnell auszahlen kann. Wir haben sportliche Erfolge, aber auch Misserfolge gemeinsam erlebt. Und nun steigen wir wieder in die höchste Spielklasse auf und wollen dort in Zukunft eine bedeutendere Rolle spielen, als in der Vergangenheit. Für die kommende Saison gilt es noch, in der Entscheidungsrunde vorne mitzuspielen und einige Favoriten zu ärgern. Langfristig wollen wir europäisch spielen. Erst wenn wir das schaffen, haben wir alle Ziele erreicht. Dafür steht uns noch einiges an Arbeit bevor. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dieses Ziel innerhalb nützlicher Frist umsetzen zu können. 

Worin kann sich das Team noch verbessern?

Das Vertrauen in die eigenen Stärken, den Willen immer an sich zu glauben und in jedem Spiel und Training alles in die Waagschale zu werfen. Die Frauen neigen dazu, zu viel nachzudenken. Manchmal ist es besser weniger zu überlegen und einfach zu machen. Für das „Studieren“ bin ich zuständig. 

Wo liegen die Unterschiede zwischen der Führung einer Damen- und einer Herren-Abteilung?

Auf der sportlichen Ebene gibt es keine, denn dort ist der Prozess immer der gleiche. Wo stehen wir, wo wollen wir hin, was brauchen wir dafür und wie machen wir es. Im Marketing- und Sponsoringbereich und im Finden von qualifiziertem Personal treten die Unterschiede zutage. Männerhandball ist als attraktiver eingestuft und viele ehemalige Handballer sind im Business besser vernetzt. Für uns im Frauenhandball ist es schwieriger, neue Unterstützer zu finden. Aber gute Arbeit überzeugt längerfristig. Ich möchte mich hier jedoch nicht beklagen, wir erhalten sehr viel Unterstützung und dafür bin ich sehr dankbar. Dennoch spürt man, dass es ein grösseres Interesse am Männerhandball gibt. 

Und: Sehr gute Trainer gibt es nicht wie Sand am Meer und die, die es gibt, sind schwer zu gewinnen. Auch sonstige Unterstützung ist nicht immer einfach zu finden. Es gibt leider immer weniger, die sich ausschliesslich aus dem Herzen heraus für unsere Sache entscheiden. Schnell kommt der finanzielle Aspekt ins Spiel. Das muss man hinnehmen und langfristig gut planen und investieren. 

Viele sehen ihre persönlichen Karrierechancen im Männerhandball grösser. Auch wenn das nachvollziehbar ist, sehe ich es anders. Darum trainiere ich nun seit vielen Jahren Mädchen und Frauen, leite die Frauenabteilung so gut ich kann und dies mit ganzem Herzen. Ich habe für mich erkannt, dass es nur an mir selber liegt, ein guter Trainer zu sein und mich ständig weiterzuentwickeln. Daran wächst man als Trainer oder Sportchef und das unabhängig davon, ob man Frauen oder Männer trainiert.

Sie haben im GC INSIDER einmal zu Protokoll gegeben, dass Sie sich in Ihrer Funktion sehr wohl fühlen. Das heisst, dass Sie in der kommenden Saison mit Ihrem Team die SPL rocken werden?

Ja, auf jeden Fall! Ich spiele aber auch mit dem Gedanken, irgendwann einmal wieder in den Nachwuchs zurückzugehen oder neue Aufgaben im Verein zu suchen. Aber das wird für mich ein schwerer Gang werden. Irgendwann aber muss es sein. Auch für die Spielerinnen ist es wichtig, neue Inputs zu bekommen und sich damit weiterzuentwickeln. Ich hoffe, ich erkenne den richtigen Zeitpunkt sobald er da ist, aber aus meiner Sicht darf dies auch noch etwas warten.

Wie lautet das Saisonziel für die SPL1?

Wie eingangs erwähnt, nicht abzusteigen ist sicher das Wichtigste. Aber ich formuliere Ziele nicht nach unten orientiert, sondern nach oben. Wir sehen uns im nächsten Jahr auf Rang 5 und wollen den Anschluss an den 4. Rang behalten. Wenn das am Ende klappt, wäre das super. Die Ränge 1 bis 4 spielen in der Finalrunde – dies ist das mittelfristige Ziel und ein Muss, um europäisch zu spielen. 

Werden Ihre Spielerinnen mit einem Ausbau des Trainingsaufwands und einer höheren Intensität rechnen müssen?

Der Trainingsaufwand war in diesem Jahr genauso hoch wie im Jahr zuvor. Die Intensität wird sich sicher steigern. Es wird mehr Spiele auf höherem Niveau geben und auch der Druck wird grösser. Wir müssen also noch besser trainieren und das impliziert eine höhere Trainingsintensität.  

Wir werden in der kommenden Saison noch enger und individueller mit den Spielerinnen arbeiten und versuchen sie noch mehr auf ihre Stärken einzustellen, um das Maximum aus ihnen herauszuholen. Auch arbeite ich mit meinem Team an neuen Methoden im Coaching. Es wird sich zeigen, wie die Spielerinnen es aufnehmen. Hierzu eine Buchempfehlung: – Wie man Menschen und Spiele gewinnt von Carlo Ancelotti. (Sprechen wir hier mal nicht über seinen messbaren Erfolg in dieser Saison...)

Sie tragen ja zwei Hüte, als Sportchef der Frauen-Abteilung und als Trainer. Worin liegt der Vorteil dieser „Ämterkonzentration“ oder gibt es auch Reibungsflächen?

Ich mache mir keine Gedanken über Vor- oder Nachteile. Ich versuche, beiden Bereichen bestmöglich gerecht zu werden. Allerdings, wenn eine Person beides macht, wird diese nicht immer alles perfekt machen können. Ich mache beides aus Leidenschaft, aber es bleibt  immer etwas ein wenig auf der Strecke. Das dürfen aber auf keinen Fall die Spielerinnen sein. Ich führe seit zwei Jahren Gespräche, um andere zu überzeugen, mehr Verantwortung für einen Bereich zu übernehmen. Es gab da auch einen ernsthaften Versuch, der leider bereits in frühem Stadium gescheitert ist. Aber ich suche weiter. Für die kommende Saison konnten wir Anja Nötzli gewinnen, den Kommunikationsbereich bei den Frauen zu übernehmen. Zudem treffe ich einen Freund, der mich in der Betreuung des Nachwuchses unterstützen soll. So suche ich weiter und früher oder später werden sich mehr für unser Projekt in Zürich begeistern. Alleine bin ich zum Glück auch heute nicht, viele unterstützen mich bereits im Rahmen des Machbaren. Speziell zu erwähnen ist hier Susanne Olsen, unsere Teammanagerin. Sie leistet Unglaubliches und unterstützt mich, wo sie nur kann. An dieser Stelle geht mein Dank an alle, die uns mit Herzblut, Engagement und Tatkraft tagtäglich unterstützen und ohne die, unser Aufstieg nicht möglich gewesen wäre.

Welche Aufgaben stehen für den Sportchef Toni Kern für die neue Saison noch an?

Ich bin derzeit dabei, ein Konzept für eine nachhaltige Nachwuchsförderung zu schreiben. Der Schwerpunkt soll in Zukunft auf der Förderung der individuellen Stärken der Athletin liegen. Es wird eine Rahmentrainingskonzeption beinhalten. Sie dient als Orientierung für Trainer. Für die Eltern der Athletinnen wird dort ersichtlich sein, welche Herausforderungen auf ihre Töchter in der entsprechenden Entwicklungsstufe zukommen.

Und was erwartet der Sportchef Toni Kern vom Trainer Toni Kern?

Sei weniger Sportchef und konzentriere dich mehr auf dein Team. 

Welche Zielsetzungen geben Sie für die übrigen GC Amicitia-Frauen-Teams heraus?

Titel und Ränge sind zwar toll für Statistiken und zeigen den aktuellen Leistungsstand. Aber viel wichtiger ist, dass die jungen Sportler eine bestmögliche und leistungsgerechte handballerische Ausbildung bekommen. Alles, was sie bereits in jungen Jahren beherrschen, wird ihnen später im Seniorenbereich weiterhelfen. Ausserdem werde ich als Ziel ausgegeben, den Teamspirit zu fördern. Als wirkliche Einheit auf und neben dem Feld macht der Sport viel mehr Spass und der sportliche Fortschritt kommt schneller. 

Und jetzt kommt die grosse Phase der Entspannung? Wie lange gewähren Sie Ihren Spielerinnen Ferien und wann beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison?

Die Vorbereitungen haben bereits angefangen. Die Spielerinnen werden nach zwei Ferienwochen wieder ins Training einsteigen. Aber nicht, ohne vorher in der Pause den Handball gedanklich verlassen und die Akkus aufgeladen haben. 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie haben vor einem Jahr erzählt, dass Ihr Söhnchen Finnley Anstalten mache, ein Linkshänder zu werden. Konkretisiert sich diese Entwicklung und wann wird er eine Verstärkung für den GC Amicitia-Nachwuchs werden?

Im Moment trainiere ich ihn beidhändig zu werfen und ab zu darf er auch mal Fussball spielen. Nein, das ist Spass. Bisher spielt er lieber auf dem Klavier oder auf seiner Ukulele; ab und zu wirft er mal den Ball und ja, dann doch häufig auch mit links. 

Wenn er weiter so isst und wächst, könnte er schon bald bei den Minis anfangen.

Interview: Eugen Desiderato