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GC Handball | GC Fussball | 23.09.2015

Handball/Fussball: Zwei Goalie-Trainer im Gespräch

Wenn es stimmt, dass Torhüter „verrückt“ sind, wie der Volksmund sagt, wie „verrückt“ müssen dann erst deren Trainer sein? Dieser Frage ging GC INSIDER nach und lud zwei Goalie-Trainer zum Gespräch ein – Carlo Filippi (34) von GC Amicitia und Christoph Born (42) von GC Fussball. Fazit: Beide sind sympathische Zeitgenossen und höchstens im positiven Sinn verrückt, sie leben für ihren Sport und wollen ihre Schützlinge Tag für Tag weiter bringen. Was ihnen übrigens bestens gelingt...

Torwart ist keine Position, sondern eine Lebenseinstellung

Die Chemie zwischen den beiden Goalie-Trainern stimmt. Kein Wunder, denn Torwart ist keine Position, sondern eine Lebenseinstellung, deshalb stechen auch einige Gemeinsamkeiten hervor. Beide waren als Goalie aktiv, Carlo Filippi in der Handball-Nationalliga B beim HC Dietikon/Urdorf und Christoph Born beim FC Tuggen in der Ersten Fussball-Liga. Beide kamen auf dem „klassischen Weg“ ins Tor – sie waren in ihrer Jugendmannschaft Feldspieler mussten dann einmal zwischen die Pfosten, als der etatmässige Goalie ausgefallen war – und blieben dort. Und beide machten später ihr Hobby mehr oder weniger zum Beruf und geben ihr Fachwissen und ihre Erfahrung an Jüngere weiter. Einen wesentlichen Unterschied gibt’s dann doch noch: Christoph Born ist Profi und kann damit auch seine Frau und zwei Kinder ernähren, während Single Carlo Filippi seinen Lebensunterhalt im Bereich Logistik verdient und nur in Teilzeit Goalie-Trainer ist, was vor allem mit den Anforderungen zu tun, die in beiden Sportarten gestellt werden: Im Leistungs-Fussball ist der Beruf des Goalietrainers klar strukturiert und von der Swiss Football League reglementiert, weshalb Christoph Born die nötigen Diplome auf diesem Fachgebiet erwerben musste. Carlo Filippi hingegen erwarb das Haupttrainer-Diplom für  Handballteams der Ersten Liga. Für seine Funktion als Goalietrainer bildete er sich selbst weiter und lässt seine Erfahrung einfliessen, die er auch bei seiner Coaching-Verantwortung für die U17-Nati einbringen kann. Und vielleicht erwirbt er auch noch das Haupttrainer-Diplom für die NLB. 

Eine weitere Gemeinsamkeit, die beide Trainer verbindet, soll auch nicht unerwähnt bleiben. Sie kamen mehr oder weniger zu ihrem Job, wie die Jungfrau zum Kind. Filippi wollte nach 24 Jahren im Handballtor (bereits als 17-Jähriger spielte er in der NLB) längere Zeit ausspannen, sich hobbymässig anderen Sportarten „querbeet“ zuwenden, sie aktiv ausführen. Es kam aber alles anders: Drei Wochen, nachdem er die Handschuhe an den berühmten Nagel gehängt hatte, traf eine Anfrage vom Damenteam Yellow Winterthur ein? „Damenteam“, oh, das wird wohl anstrengend“, dachte sich Filippi. Er beobachtete drei Spiele und stellte fest, dass die jungen Frauen engagiert am Werk waren – und entschied, diese Herausforderung anzunehmen. Nach zwei Jahren trat GC Amicitia an ihn heran – das Angebot wollte er nicht ausschlagen und ist in dieser Funktion nun im vierten Jahr tätig. 

Und Christoph Born? Er war als Sportlehrer ETH an zwei Oberstufen-Schulen tätig und nebenamtlich beim GC Fussball als Teilzeit-Nachwuchstrainer (U12, 13, 14) im Einsatz. Weil er praktisch nie mehr zu Hause bei der Familie war, beendete er seine Aktivkarriere – und nahm aber bald einmal ein Angebot von GC Fussball an, die Trainerverantwortung der GC Super League-Goalies zu übernehmen. Weil seine beiden Arbeitgeber sehr grosszügig waren und ihn praktisch von heute auf morgen von seiner Verantwortung entbanden, gehörte er schon zwei Tage später zum Staff des damaligen GC Cheftrainers Ciriaco Sforza. Seit 2011 erfüllt er diese Aufgabe (entwickelte u.a. auch Bundesliga-Profi Roman Bürki) und ist auch für die Goalie-(Teilzeit)-Trainer bei GC Nachwuchs-Fussball verantwortlich. 

Die Parallelen

Nicht nur in der Person der beiden Golie-Trainer gibt es Parallelen, auch bei ihren Schützlingen. Die Anforderungen an die Goalies, sowohl im Handball als auch im Fussball haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Carlo Filippi: „Dem Torhüter kommt im Spiel eine entscheidende Rolle zu. Er muss nicht nur Tore verhindern, er muss aufgrund seiner Position als „hinterster Mann“ mit der besten Übersicht auch entscheidenden Einfluss auf das Spiel nehmen, zum Beispiel durch die Organisation der Verteidigung. Er agiert praktisch auch als zusätzlicher Feldspieler, steuert mit Anweisungen das Spiel, durch schnelle Angriffsauslösung oder durch Verlangsamung der Aktionen. Ein Goalie muss ständig wach und unter Spannung sein.“

Auch Christoph Born erzählt von Veränderungen bezüglich Fussball-Goalie: „Die vor Jahren eingeführte Regel, wonach der Goalie einen Rückpass vom Mitspieler mit dem Fuss nicht mit der Hand aufnehmen darf, hat die Goalie-Arbeit stark verändert. Heute wird ein Goalie in der Grundschulung praktisch als 11. Feldspieler ausgebildet. Er muss auch mit dem Fuss sehr stark sein, 70 Prozent seiner Aktionen in einem Spiel sind Spielauslösungen.“ Bei diesen Parallelen ist es nicht verwunderlich, dass der derzeit weltbeste Torhüter Manuel Neuer während seiner Zeit bei Schalke 04 auch mit einem Handballgoalie zusammen gearbeitet hat. „Auch wir Trainer können von einander lernen, und das bezieht sich nicht nur auf unsere beiden Sportarten Handball und Fussball“, stellt Christoph Born fest. „Wir müssen ständig mit offenen Augen andere Sportler im Spiel und im Training beobachten. Vielleicht braucht es bei der einen oder anderen Aktion oder Trainingsarbeit eine fussball- oder handball-spezifische Anpassung, aber wir müssen voneinander lernen.“

Offen für Neues

Über den Tellerrand zu schauen ist nicht nur bezüglich Trainingsinhalte interessant, auch Abläufe sind interessant, findet Carlo Filippi. So interessierte er sich auch für die Wochengestaltung bei den Fussballern und stellte fest, dass vor allem bezüglich Aufwand ein nicht unerheblicher Unterschied zum Handball besteht. Er zum Beispiel arbeitet mit seinen Goalies positions-spezifisch zweimal pro Woche, während Christoph Born mit seinen Schützlingen fünf bis sechs Trainingseinheiten absolviert. Diese Diskrepanz ergibt sich natürlich aus der Tatsache, dass die Fussballer Vollprofis sind, während bei GC Amicitia derzeit lediglich zwei Akteure ausschliesslich für den Club arbeiten und alle anderen eine berufliche Ausbildung absolvieren oder einem Broterwerb nachgehen. Aber die Bereitschaft, die Schmerzgrenze im Spiel und Training mehrmals pro Woche zu überschreiten, muss bei Teilzeit- wie auch bei Voll-Profis vorhanden sein...

Den Gedankenaustausch wollen die beiden Trainer weiterführen, darauf einigten sich Carlo Filippi und Christoph Born spontan und sie wollen sich auch gegenseitig bei der Arbeit beobachten. Vielleicht weiten sie den Kreis auch noch aus und nehmen mit Eishockey Goalie-Trainern Kontakt auf. „Schliesslich wollen wir uns auch weiter entwickeln“, stellten sie unisono fest. 

Zum Schluss noch eine überraschende Gemeinsamkeit von Carlo Filippi und Christoph Born. Beide hielten von jung an Bälle, scharf geschossene Bälle, warfen sich in harte Schüsse. Aber es grenzt fast an ein Wunder, dass beide keine krummen Finger zu beklagen haben. „Und dies trotz einiger Fingerbrüche“, wie Carlo Filippi feststellt. „Aber dafür habe ich eine „verschobene“ Nase“, fügt er schmunzelnd an. 

Eugen Desiderato