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GC Rudern | 19.08.2016

Rudern: Thomas Böhme "Ich glaube nur was ich sehe..."

GC Bootshaus am Mythenquai in Zürich, 1. Stock im Gastraum mit dem eindrücklich bestückten Trophäenschrank. Es ist relativ dunkel an diesem regnerischen, herbstlich anmutenden Sommerabend. Thomas Böhme, ein stattlicher Mann von knapp zwei Metern Körperlänge betritt pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt den Raum und würde ihn noch mehr verdunkeln, wäre da nicht seine besondere Ausstrahlung. Seine Aura fasziniert. Rasch sind wir im Gespräch. Es sollte ein sehr kurzweiliges, informatives werden...

GC INSIDER: Thomas Böhme, seit Februar sind sie als Trainer in der Sektion Rudern angestellt. Und auf August wurden Sie zum Headcoach ernannt. Wie kam es zum Engagement?

Thomas Böhme: Schon vor anderthalb Jahren waren wir im Gespräch, das dann allerdings abgebrochen wurde. Dem Klub fehlten die nötigen Mittel, einen weiteren Trainer anzustellen. Als dann die Basis dafür Ende letzten Jahres gelegt und die Stelle erneut ausgeschrieben worden war, brachte ich mich nochmals ins Gespräch und nach einigen Telefonkonferenzen mit Präsident Tobias Fankhauser und TK Chef Markus Wyss, Chef Leistungssport, sowie zwei Besuchen meinerseits in Zürich konnte der Vertrag unterschrieben werden, was mich notabene sehr gefreut hat. Und das möchte ich an dieser Stelle anfügen: Ich bedanke mich bei den Verantwortlichen für das mir entgegen gebrachte Vertrauen, für die herzliche Aufnahme und die tolle Zusammenarbeit.

Was erwarteten Sie vom GC?

Bei meinen Besuchen habe ich nicht nur die Verantwortlichen kennen gelernt, sondern auch die Sportler. Ich war überzeugt, dass ich das Ziel, eine erfolgreiche Seniorengruppe zu entwickeln, erreichen kann. In Deutschland habe ich das Projekt Paralympics als Headcoach geführt und war vorher vornehmlich im Juniorenbereich tätig, sodass ich gerne meine Erfahrung in einer starken Seniorengruppe einbringen wollte, will heissen ich wollte mit Erwachsenen mit vorgeprägter Sportlerpersönlichkeit partnerschaftlich, nicht nur autoritär/pädagogisch arbeiten. Oder anders ausgedrückt, ich will auf Augenhöhe mit den Athleten arbeiten.

Welchen Trainertyp verkörpern Sie?

Ich bin kein lauter, emotionaler Trainer, kein Schreihals. Ich suche aktiv Möglichkeiten, die Athleten in ihrer Sportlerpersönlichkeit bestmöglich zu entwickeln. Das Umfeld muss geordnet sein, das heisst Ausbildung und Sport müssen gut verknüpft sein, damit sich kein, die Entwicklung störender Druck aufbauen kann. Ich stelle klar definierte Ansprüche. Ich glaube nur, was ich sehe. Die Sportler müssen mir täglich zeigen, dass sie gut arbeiten. Denn bei mir gilt das Leistungsprinzip, schliesslich bin ich nicht als Animator, sondern als Trainer im Leistungsbereich angestellt. Wenn die Kriterien klar definiert sind, worauf es ankommt, kann sich jeder darauf einstellen. Die ersten Erfahrungen zeigen mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Junioren haben den Wechsel von der lange Jahre mit einem anderen Stil erfolgreich arbeitenden Heike Dynio zu mir gut geschafft. Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft den richtigen Umgang finde, dass mich die Athleten als Partner sehen, der ihnen hilft, die Leistung abzurufen. Allerdings ein hohes Mass an Disziplin und Eigenverantwortung müssen sie bringen, also die Glücksmomente sich selbst erarbeiten, aber ich zeige ihnen gerne, wie es geht. Bisher kann ich sagen, dass meine Ideen aufgenommen wurden. Meine Führung der "langen Leine“ wurde absolut nicht missbraucht, die Athleten wissen was ich meine, kennen unsere Ziele, sind fleissig, motiviert und auch während der Saison selbstbewusster geworden. Wir richten uns an positiven Punkten auf, sprechen negative an und versuchen uns zu verbessern. 

Sie waren selbst erfolgreicher aktiver Ruderer. Von welcher Art Trainer profitierten Sie?

Ich bin ja in der DDR aufgewachsen, als 13-Jähriger zum Rudern gekommen, nachdem auch mein Vater und meine Mutter im Ruderboot sassen und ich von den Sportarten Handball und Judo, die ich als Jüngling probierte, nicht vollends überzeugt war. Ich brachte die körperlichen Voraussetzungen für das Rudern mit, fiel auch durch Leistung auf und wurde in ein Leistungszentrum mit angeschlossenem Gymnasium aufgenommen. Ich lernte viele Trainertypen kennen, auch solche, die unter grossem Druck standen, mit ihren Schützlingen Erfolge zu erreichen, um im DDR Leistungssport-System ihre Karriere nicht zu gefährden. Dieser Druck hat sich negativ auf die Sportler übertragen, sodass ich mir schwor, dereinst mit anderen Mitteln den Erfolg zu suchen. Ein Vorbild für mich in dieser Hinsicht war später Klaus-Dieter Stecker, viele Jahre in Österreich erfolgreich, zuletzt als Landestrainer in Wien. Wir haben in vielen Gesprächen gemeinsam Wege gesucht und gefunden, die gesetzten Ziele zu erreichen.

Und tatsächlich haben Sie hohe Ziele erreicht.

Ja, national und international. Bis 1979 als Skuller im Einer, Doppelzweier, Doppelvierer und dann vornehmlich in Riemenbooten, im Achter und wurde u.a. 1979 DDR Meister. Anschliessend ruderte ich auch für die Nati, bei der mir der Höhepunkt leider versagt geblieben ist. Während der Vorbereitung zu den Olympischen Spielen 1980 in Moskau musste ich direkt aus dem Ruderboot auf den Operationstisch, um einen Blinddarm-Durchbruch behandeln zu lassen. Ade Olympia. Später fand ich zwar national wieder den Anschluss,  beendete aber nach meiner Flucht in die damalige Bundesrepublik meine Aktivkarriere und schlug die Trainerlaufbahn ein.

Die Sie jetzt erfolgreich beim GC fortsetzen. Man kann ja sagen „Er kam, sah und siegte...“

Nicht ich, sondern die Athleten siegen, das ist klar. Aber in der Tat, wir können auf eine sehr gute Saison zurückblicken, was auch zeigt, dass meine Vorgaben umgesetzt wurden. Nachdem sich Ende letzten Jahres abgezeichnet hatte, dass ich das Traineramt hier übernehmen werde, habe ich die Trainingsplanung vorgenommen und kommuniziert, Florian Hofer hat sie bis zu meinem Amtsantritt überwacht. Alles hat sich gut angelassen, verlief reibungslos. Das Konzept ist aufgegangen, was an den Erfolgen an den Schweizer Meisterschaften abzulesen ist und am Gewinn des prestigeträchtigen Wyfold-Cup an der Henley Royal Regatta. 

Ist nach einer solch erfolgreichen Saison noch eine Steigerung möglich?

Daran müssen wir arbeiten, das ist schliesslich auch meine Aufgabe. Der Seniorenbereich erfährt für die neue Saison mit vier Junioren, alle mit dem Titel des Schweizer Meisters ausgezeichnet, eine Verstärkung. Daran muss sich auch die Zielsetzung orientieren. Im Zweier ohne sind wir Titelverteidiger, es ist aber auch mein Bestreben, den Achter als Flaggschiff weiter zu entwickeln. Die Athleten sehen dies übrigens auch so, da will ich ihnen natürlich nicht im Wege stehen (lacht).

Wenn dieses Interview im GC INSIDER veröffentlicht wird, sind Sie schon an den U23 Weltmeisterschaften Rotterdam...

...ja, ich habe den Schweizer Vierer mit Steuermann mit den GC Athleten Nicolas Kamber und Jacob Blankenberger, sowie Joshua Meyer (Skiff) vorbereitet. Wir hoffen auf ein gutes Ergebnis. Während die Ruderer Ferien anschliessend anhängen, fliege ich noch am Finaltag zurück und gehe in Zürich meiner Arbeit nach. Die neue Saison beginnt und da will ich als Headcoach bereits vom ersten Tag an die Fäden in der Hand halten und mit meinem Trainerteam eine weitere erfolgreiche Saison anstreben. Meine Ferien können warten...

Eugen Desiderato