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«DER NÄCHSTE SCHRITT AUF DEM WEG ZUR PROFESSIONALISIERUNG»

«DER NÄCHSTE SCHRITT AUF DEM WEG ZUR PROFESSIONALISIERUNG»

Die Gründung der GC Frauenfussball AG ist der nächste logische Schritt auf dem Weg hin zur Professionalisierung.

GC INSIDER: Seit dem wegweisenden Umbruch und Deinem Engagement vor gut zwei Jahren wird die Professionalisierung bei GC Frauenfussball konsequent vorangetrieben. Nun habt Ihr eine eigene Aktiengesellschaft gegründet. Was sind die Hintergründe?
Lara Dickenmann: Die Gründung der GC Frauenfussball AG ist der nächste logische Schritt auf dem Weg hin zur Professionalisierung. Mit steigenden Umsätzen steigt auch das unternehmerische Risiko. Darauf ist eine Vereinsstruktur, wie sie auch der Grasshopper Club Zürich hat, nicht ausgelegt. Mit der AG haben wir ein eigenes Gefäss für den Frauenfussball geschaffen, das eine passende Grundlage bietet, um weiter zu wachsen und die Professionalisierung weiter voranzutreiben. Gleichzeitig gibt uns das Engagement der Investoren ein stabiles finanzielles Fundament und genügend Zeit, um weitere Partner, Sponsoren und Investoren für uns zu gewinnen.

Bei den Topvereinen in Europa befinden sich Männer- und Frauenfussball oftmals unter dem gleichen organisatorischen Dach. Und auch Schweizer Konkurrenten setzen auf ein derartiges Modell. Warum nicht GC?
Mittel- oder langfristig sollte das meiner Meinung nach auch für uns das Ziel sein. Im Moment ist der Alleingang aber eine gute Lösung, die wir vor allem schnell realisieren konnten. Dank dieser Unabhängigkeit sind wir frei in unseren Entscheiden, können uns voll auf den Frauenfussball konzentrieren und unsere ganze Kraft in die Weiterentwicklung stecken. Und wir erhalten viel unternehmerische Freiheit, was uns auch bei der Wahl von Partnern und Sponsoren Flexibilität verschafft.

Stehst Du im Austausch mit dem GC Männerfussball?
Auf jeden Fall. Wir trainieren und spielen ja schon lange auf dem GC/Campus. Inzwischen haben wir hier auch Büros bezogen und nutzen die Infrastruktur noch viel stärker. Da gibt es naturgemäss viele Berührungspunkte, was sehr hilfreich und gewinnbringend ist. Der Austausch mit dem Profibetrieb der Herren, beispielsweise mit dem technischen Direktor Bernt Haas oder mit dem Präsidenten Matt Jackson, ist extrem kooperativ und angenehm. Ich weiss dies sehr zu schätzen.

Welches sind die nächsten Schritte, die Du gehen willst?
Aktuell liegt unser Hauptaugenmerk auf der medizinischen Abteilung. Wir können nicht von unseren Spielerinnen alles abverlangen, ihnen aber keine professionelle medizinische Betreuung anbieten. Deshalb haben wir auf diese Saison hin mit Florian Kirch einen Physiotherapeuten angestellt, der sich in Vollzeit um das körperliche Wohl der Spielerinnen kümmert. Aktuell suchen wir ausserdem einen Content Creator, um auch in der Kommunikation und im Marketing einen Schritt weiterzukommen.

Steigen mit der neuen Organisationsform auch die Löhne der Spielerinnen?
Von einem Profibetrieb, in dem alle Spielerinnen von ihren Löhnen leben können, sind wir noch weit entfernt. Aber wir schliessen nun mit jeder Spielerin einen Vertrag ab, der auch eine Entschädigung festhält. Dies gibt nicht nur den Spielerinnen eine gewisse Planungssicherheit, sondern bietet uns eine Verhandlungsbasis, wenn Spielerinnen zu einem anderen Verein wechseln möchten. Ziel ist es, die Spielerinnenlöhne in den nächsten Jahren schrittweise zu erhöhen, sodass wir ein Halbprofitum erreichen.

Die GC Frauenfussball AG umfasst nicht nur die erste Mannschaft, sondern auch den Nachwuchs. Welche Bedeutung wird ihm in Zukunft zukommen?
Eine sehr wichtige. Wir haben uns in den letzten Jahren und Monaten stark auf die erste Mannschaft konzentriert. Heute ist diese gut aufgestellt. Dies gibt uns Zeit und Energie, um uns nun auch stärker um den Nachwuchs zu kümmern. Die Situation ist so, dass die aktuellen AWSL-Spielerinnen auf Juniorinnenstufe in der Regel nicht speziell ausgebildet worden sind, sondern einfach bei den Jungs mitgespielt haben. Wir wollen die Juniorinnen nun früher mit einer guten Ausbildung abholen und haben dafür neben unseren bestehenden Nachwuchsteams U19, U17, U15 und U14 ab Stufe U12 drei Partnerschaftsteams aufgebaut. Damit ein solches Konzept gut funktioniert, braucht es eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinen der Region, wie dies bei den Junioren bereits vollkommen normal ist. Im Juniorinnen-Bereich bestehen teilweise hingegen noch Vorbehalte, die es abzubauen gilt. Dafür muss in vielen Gesprächen gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden, um gemeinsame Wege zu finden, die für alle passen.

Wo steht GC bezüglich der Professionalisierung im nationalen Vergleich?
Wir sind sicher vorne mit dabei, was sich in den letzten beiden Saisons auch in der Tabelle gezeigt hat. Klar ist aber auch, dass die anderen Vereine ebenfalls nicht schlafen. Und das ist gut so. Diese Konkurrenz tut dem Frauenfussball gut und spornt uns alle an, jeden Tag besser zu werden.

Wir sind untereinander aber nicht nur Konkurrentinnen, sondern müssen auch gemeinsam dafür sorgen, dass sich der Frauenfussball in der Schweiz weiterentwickelt. So kämpfen wir beispielsweise gemeinsam dafür, dass Personen im Zentralvorstand des SFV Einsitz erhalten, die explizit die Interessen des Frauenfussballs vertreten. Ausserdem arbeiten wir darauf hin, dass der Frauenfussball nicht mehr der Amateurliga angegliedert ist, sondern in den professionellen Bereich aufgenommen wird oder einen eigenen Bereich erhält. Diese Projekte verdeutlichen, dass auch der Verband mitziehen muss, damit der Frauenfussball einen höheren Stellenwert und professionellere Strukturen erhält.

Wie wird sich der Frauenfussball weiterentwickeln?
Ich bin überzeugt, dass die positive Entwicklung weitergehen wird und dass die Schweizer Liga zu einer guten Ausbildungsliga werden kann, die ihre Spielerinnen auf die europäischen Topteams vorbereitet. Dabei wird uns helfen, dass in zwei Jahren die Europameisterschaft in der Schweiz stattfinden wird. Es wäre nicht überraschend, wenn dies bei den Mädchen einen Fussballboom auslösen würde.

Wann wird GC Frauenfussball das erste Mal Schweizermeister?
Hoffentlich in dieser Saison (schmunzelt). Aber auch wenn das nicht klappt, ist klar, dass wir in den nächsten Jahren um den Titel mitspielen wollen. Zudem ist es ein Ziel, dass wir uns für die Gruppenphase der UEFA ChampionsLeague qualifizieren. Dies alles wird nicht von heute auf morgen gelingen. Ich bin aber überzeugt, dass wir auf einem guten Weg sind.


Maurice Desiderato