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KURZFRISTIGER ERFOLG IST GUT, NACHHALTIGER AUFBAU WICHTIGER
Foto: GC INSIDER

KURZFRISTIGER ERFOLG IST GUT, NACHHALTIGER AUFBAU WICHTIGER

CEO Christian Künzli will mit GC Frauenfussball nicht nur sportlichen, sondern auch wirtschaftlichen Erfolg. Dafür setzt er auf eine nachhaltige Entwicklung, klare Strukturen und ein starkes Fundament für die Zukunft. Im Interview erklärt er, wie die Professionalisierung vorangetrieben wird, welche Schritte als Nächstes anstehen und wie GC zu einem führenden Klub im Schweizer Frauenfussball werden soll.

GC INSIDER: Christian, in Deiner bisherigen Karriere warst Du unter anderem selbstständiger Spielerberater, Athleten-Manager bei Red Bull und Team-Manager beim Herrenfussballteam von GC. Was hat Dich motiviert, die Leitung von GC Frauenfussball zu übernehmen?

Christian Künzli: Ich habe GC schon in verschiedenen Funktionen begleitet und kenne die Organisation und das Umfeld sehr gut. Die Aufgabe im Frauenfussball hat mich deshalb gereizt, weil hier noch vieles in Bewegung ist – strukturell, sportlich und wirtschaftlich. Es geht darum, etwas aufzubauen, das nachhaltig Bestand hat. Diese Gestaltungsfreiheit kombiniert mit einer klaren Ambition war für mich der ausschlaggebende Punkt. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die den gesamten Frauenfussball in der Schweiz verändern kann. Daran mitzuarbeiten, motiviert mich.

Du bist seit letztem Dezember bei GC Frauenfussball und seit März 2025 als CEO tätig. Wie war das erste Halbjahr?

Die ersten sechs Monate waren intensiv. Was mich – abgesehen natürlich vom Vize-Meistertitel – begeistert hat, ist das Commitment im Vorstand und der Geschäftsleitung, bei den Spielerinnen und in der Organisation allgemein. Da steckt viel Leidenschaft drin. Gleichzeitig ist auch klar geworden, wie gross der Nachholbedarf in vielen Bereichen ist. Da spreche ich von der Infrastruktur, vom Sponsoring, von medialer Sichtbarkeit und von Professionalität im operativen Geschäft. Überrascht hat mich in dieser Zeit, wie wenig strukturelle Unterstützung der Frauenfussball auf nationaler Ebene erhält. Da sind andere Länder deutlich weiter. Den grössten Handlungsbedarf sehe ich in der klareren einheitlichen strategischen Ausrichtung des gesamten Frauenbereichs – von den Juniorinnen bis zur 1. Mannschaft.

Wo siehst Du GC Frauenfussball auf dem Weg zur Professionalisierung, und welches sind die nächsten Schritte, die Ihr gehen werdet?

Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen, aber wir haben eine Basis gelegt. Die nächsten Schritte sind klar: Professionalisierung der Organisation, Aufbau eines strategischen Partnernetzwerks, Investitionen in Infrastruktur und medizinische Betreuung sowie die stärkere Integration von sportlicher Planung und wirtschaftlicher Strategie. Parallel dazu arbeiten wir am Ausbau unserer Marke und Präsenz, lokal wie auch digital.

Wie sieht Deine langfristige Vision für den Frauenfussball bei GC aus?

GC soll mittelfristig zu den Top 2 im Schweizer Frauenfussball gehören – nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch und wirtschaftlich. Langfristig ist es unser Ziel, regelmässig europäisch zu spielen und junge Talente auszubilden, die es auf die internationale Bühne schaffen. Wir wollen ein Entwicklungsklub sein, der für Qualität, Seriosität und Ambition steht und ein klares GC Profil aufweist.

Welche Rolle spielt dabei der Nachwuchsbereich?

Eine zentrale und wichtige Rolle. Ohne starken Unterbau ist nachhaltiger Erfolg nicht möglich. Wir müssen bewusst in den U-Bereich investieren: Trainerqualität, Trainingsbedingungen, Talentförderung. Gleichzeitig müssen wir den Übergang in die 1. Mannschaft besser strukturieren, damit wir Talente nicht nur entwickeln, sondern auch bei uns halten und einbauen können. Das ist ein Punkt, an dem wir gerade intensiv arbeiten.

Damit sich GC Frauenfussball erfolgreich professionalisieren kann, braucht es auch eine professionalisierte Liga. Wie beurteilst du die Entwicklung der AXA Women’s Super League?

Die Liga ist sportlich auf einem guten Weg, aber strukturell noch nicht dort, wo sie sein müsste. Es braucht monetär einen grösseren Support und deutlich mehr Sichtbarkeit. Der Verband hat das erkannt, aber es fehlt noch an Tempo und Konsequenz in der Umsetzung. Die AWSL muss sich klar als Profiplattform positionieren – sonst verlieren wir im Vergleich zum Ausland den Anschluss.

Der Schweizer Frauenfussball befindet sich ganz allgemein in einer spannenden Phase, im Übergang von Amateur- zu Profibetrieb. An welchen Fäden muss gezogen werden, um den letzten Schritt zu schaffen?

Man beginnt bei der Struktur. Ohne klare, professionelle Rahmenbedingungen lässt sich kein nachhaltiges Wachstum erzielen. Sponsoren investieren nicht in Unsicherheit. Medien berichten nicht über etwas, das keine Bühne hat. Zuschauer kommen nicht, wenn es an Eventisierung fehlt. Die grösste Herausforderung ist das Huhn-Ei-Problem: Alle Faktoren bedingen sich gegenseitig. Deshalb müssen wir parallel an mehreren Fronten arbeiten. Das Potenzial ist riesig – aber es wird sich nur dann entfalten, wenn der ganze Apparat bereit ist, diesen Schritt auch konsequent zu gehen. Es reicht nicht, den Frauenfussball «mitzudenken». Er muss aktiv gefördert und mit Ressourcen hinterlegt werden.

Wie wird die Frauen-EM auf diesem Weg helfen?

Sie kann ein grosser Hebel sein – aber nur, wenn wir es schaffen, die nationale Aufmerksamkeit zu nutzen. Die EM hat mediale Präsenz, Zuschauerinteresse und Sponsoreninteresse gebracht. Entscheidend ist, was wir nun daraus machen. Wir müssen aus einem einmaligen Event eine langfristige Bewegung formen. Das bedeutet, dass wir Investitionen vorbereitet haben, Projekte initiieren und Strukturen ausbauen müssen.

Nach einer durchwachsenen Regular Season habt Ihr die vergangene Saison enorm erfolgreich abgeschlossen. Ändert dies die Ziele für die neue Saison? 

Die Rückrunde und die Playoffs haben gezeigt, was möglich ist, wenn das Team funktioniert. Unsere sportlichen Ziele bleiben ambitioniert: Wir wollen um die vorderen Plätze mitspielen. Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben – wir befinden uns mitten in einem strukturellen Umbau. Wichtig ist, dass wir uns sportlich und organisatorisch stetig weiterentwickeln. Kurzfristiger Erfolg ist gut, nachhaltiger Aufbau ist wichtiger.

Die Vorbereitung für die neue Saison läuft auf Hochtouren. Was ist dabei deine Aufgabe?

Die Zusammenarbeit mit Theo Karapetsas (Geschäftsführer Sport), Pascal Troentlé (Leiter Nachwuchs) und den Trainerteams ist eng und professionell. Ich bin in die strategischen Entscheidungen eingebunden, nicht aber ins Sport-Tagesgeschäft. Wir definieren gemeinsam zwar wichtige Schritte, das letzte Wort bei der Mannschaftsführung hat aber das Leiter- und Trainerteam. Genau so muss es auch sein: klare Rollen, klare Verantwortung. Die Vorbereitung läuft gut, wir sind im Zeitplan. Und die Fans dürfen sich auf tolle Transfers freuen.

Das Transferkarussell dreht bei den Frauen (noch) nicht so wild. Trotzdem suchen immer mehr Schweizer Talente ihr Glück im Ausland. Jüngste Beispiele von GC sind Sydney Schertenleib und Noemi Ivelj. Ist das mehr Segen oder mehr Fluch?

Es ist beides. Einerseits ist es ein Kompliment, wenn unsere Spielerinnen international gefragt sind – das zeigt, dass unsere Ausbildung funktioniert. Andererseits ist es ein Einschnitt, weil Leistungsträgerinnen das Team verlassen. Unser Ziel muss es sein, Talente nicht nur zu entwickeln, sondern auch längerfristig zu halten. Dazu brauchen wir ein Umfeld, das sportlich attraktiv, finanziell konkurrenzfähig und perspektivisch stabil ist. Daran arbeiten wir.

 

Maurice Desiderato

  • Christian Künzli will GC mittelfristig unter den Top 2 im Schweizer Frauenfussball etablieren – nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch und wirtschaftlich. Foto: GC INSIDER